Kultur : Bilder einer Ausschweifung

Der traurigste Reigen der Welt: Sofia Coppolas außergewöhnlicher Kostümfilm „Marie Antoinette“

Jan Schulz-Ojala

Die Heldinnen in Sofia Coppolas Filmen sind fast ununterbrochen von Menschen umgeben, ertragen aber klaglos eine schier herzzerreißende Einsamkeit. In ihrem Erstling „The Virgin Suicides“ (1999) scheiden fünf pubertierende Schwestern ohne Pathos aus dem Leben. Die Hauptfigur ihres Welterfolgs „Lost in Translation“ (2003) ist eine früh verheiratete, allein gelassene Frau, die sich in der Massenanonymität von Tokio einem älteren, selber einsamen Mann anschließt. „Marie Antoinette“, eher melancholische Meditation denn konventionell kostümiertes Königinnen-Biopic, erzählt von der Zurichtung eines kindlichen Mädchens zur öffentlichen Frau: Der jüngste Film der sensiblen Regisseurin arrangiert immer wieder neue Tableaus eines durch und durch gelenkten Lebens.

Das Schloss von Versailles, in das die eben 14-jährige Tochter der Kaiserin Maria Theresia im Jahre 1770 wegverheiratet wird, ist ein Luxusgefängnis, dessen eigentliche Mauern bis an die französischen Landesgrenzen reichen. Auf einer Rheininsel an der Grenze zwischen dem Habsburger und dem Bourbonenreich geschieht die formelle Verwandlung der jungen Maria Antonia in Marie Antoinette. Das Mädchen muss alles zurücklassen, was sein bisheriges Leben bestimmte. Die Kleider. Die begleitenden Freundinnen. Den geliebten Mops. Später wird sie nackt und frierend vor dem weiblichen Hofstaat stehen, der ihr nach eisernem Protokoll die Leibchen zureicht. „Das ist lächerlich“, sagt sie in einem Anfall jugendlicher Spontaneität über diese Ankleidezeremonie. „Das“, entgegnet die über jede ihrer Bewegungen wachende Comtesse de Noailles (Judy Davis), „ist Versailles.“

Kirsten Dunst spielt diese lebendig Begrabene mit einem ungeheuer sanften Lächeln, das schmerzt. Und je tiefer der Film die ausgelieferte Existenz seiner Heldin erforscht, desto maskenhafter wird dieses Lächeln. Irgendwann verwandelt sich sogar ihr Vergnügen, ihre Lust an der kontrollierten Ausschweifung, nur mehr in eine Variante höfischer Etikette, Kurzweil in einem jeglicher Intimität entkleideten Lebensraum. Marie Antoinettes Bräutigam Louis Auguste (Jason Schwartzman), Enkel und Thronfolger des Lüstlings Louis XV. (Rip Torn), ist ein dickliches Dummerchen, das am liebsten Türschlösser bastelt – sieben lange Jahre muss die wispernde Lakaien-Heerschar warten, bis sich Nachwuchs einstellt, und dann geschieht selbst die Niederkunft protokollkonform vor aller Augen. Zwischendurch werden die beiden, noch keine zwanzig, zum Königspaar. Natürlich sind sie „zu jung zum Regieren“, wie der frischgekrönte Ludwig XVI. sogleich entsetzt feststellt – aber sind sie das überhaupt: jung?

Solch explizite Selbsterkenntnis ist selten in „Marie Antoinette“. Viel eher führt der Film seine Heldin und ihren eigentümlich grundleblosen Gemahl als fast stummen Gegenstand höfischen Drucks vor, als duldsames Opfer von Einreden, Depeschen, Beraterstäben. Sofia Coppola nähert sich ihren Figuren fast körperlich, tastet mit dem Blick einer traumwandelnd unsteten Kamera (Lance Acord) virtuos die Oberfläche der Ereignisse und Gesichter ab, misst ihnen beobachtend Temperatur und Puls. Ein berührendes, ja, ein streichelndes Porträt ist „Marie Antoinette“ geworden – der erschütternd zart formulierte Befund eines kurzen, sich vergeudenden Lebens, vor der eigenen Blässe mitunter Reißaus nehmend in künstliche Fieberschübe.

Die Drogen, mit denen die junge Königin vor ihrer Ferngesteuertheit flieht, heißen Schuhe, Schmuck, Schampus. Oder auch: Partys, Puddingtörtchen und Perückentürme. Mit „I Want Candy“ von Bow Wow Wow unterlegt Coppola die hell ausbelichteten Bilder luxuriöser Trostlosigkeit, mit dem fein pulsierenden New Romantic Pop von New Order und The Cure treibt sie die aufgerüschten Menschenensembles voran zu neuen, leeren Lustbarkeiten. Und irgendwann, ziemlich kurz, darf die noch immer viel zu junge Pop-Prinzessin, deren staatsangestellte Paparazzi sie nie ernstlich aus den Augen lassen, denn doch ein Affärchen ausleben – mit einem feschen Schweden namens Fersen (Jamie Dornan).

Wahrscheinlich langweilig findet „Marie Antoinette“ spätestens nach der ersten elegant irrlichternden Viertelstunde, wer einen plot- und intrigengesteuerten Schnelldurchlauf in Sachen Ancien Régime erwartet – den Tod auf dem Schafott inklusive, den die 37-Jährige mit letzter, ausgesuchter Höflichkeit gegenüber dem Henker hinnahm. Doch all das interessiert Sofia Coppola nicht, weder die berühmte Halsbandaffäre noch die Revolution, noch der bis heute feindselige Blick der Franzosen auf „die Österreicherin“, deren Verschwendungssucht den Bankrott der Monarchie mitbesiegelt haben soll. Im Gegenteil, Coppola nimmt ihre Heldin subtil in Schutz: Auch der Marie Antoinette zugeschriebene böse Satz, wenn die Franzosen kein Brot hätten, sollten sie doch „brioche“ essen, wird entschieden beiläufig ins Offiziöse zurückgeführt. Die Königin bleibt das prominenteste Menschenopfer einer höfischen Gesellschaft, die sich selber bloß als mechanistischen Apparat begreifen kann und folglich unter dem Ansturm realer Not und Wut zugrunde geht.

Viel lieber verführt Sofia Coppola wie in ihren früheren Filmen das Publikum bei stets wachem Verstand in einen unverwechselbaren Rausch. Auch hier geht die Story, der traurigste Reigen der Welt, nicht im eigentlichen Sinne voran, sondern lässt Raum und Zeit fast unmerklich über ihre eigenen Ränder gleiten. Radikal und frei und doch mit betörender Sanftmut, die Kirsten Dunst kongenial verkörpert, bemächtigt sich die Regisseurin des Universums Versailles und deutet es als ein zu krankem Leben erwecktes Wachsfigurenkabinett; als unablässig plärrende Spieluhr auch, die sich mit einem Püppchen namens Königin schmückt. Nur dass wir deren unendlich entfremdete Existenz, unendlich modern, mit ihren eigenen Augen sehen.

Cinema Paris, Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Sony-Center (OV), FT Friedrichshain, Kulturbrauerei, Odeon (OmU) und Passage

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