Kultur : Bilder eines Baggers

Jürgen Tietz

Selbst renommierte Architekten wie Friedrich August Stüler waren nicht gefeit vor den Verbesserungsvorschlägen König Friedrich Wilhelms IV. Unter Stülers Entwurfszeichnung einer Kirche für Friedewald von 1847 fügte der "Butt" (so der Spitzname des Preußenkönigs) seine eigene Skizze ein und ergänzte handschriftlich: "Sollte nicht der Raum vor dem Altar gewölbt, darüber ein hübscher Glockenthurm gesetzt, die 2 Thürme weggelassen & so eine bedeutende Ersparniß gemacht werden können?"

Auf dem Weg zum Architekturmuseum

Zu sehen ist das Blatt Stülers derzeit in der Ausstellung "Neben Schinkel", die das Schinkelzentrum in dem neu gestalteten Ausstellungsforum des Architekturgebäudes der Technischen Universität (TU) am Ernst-Reuter-Platz veranstaltet. Für diese erste Ausstellung in den nunmehr museumstauglichen Räumen hat der Geschäftsführer des Zentrums, Hans-Dieter Nägelke, mit der Plansammlung der TU-Bibliothek zusammengearbeitet. Deren Bestände, die derzeit für die Internet-Nutzung aufbereitet werden, bilden eine der bedeutendsten Architektursammlungen in der Bundesrepublik.

Für die aktuelle Ausstellung hat sich Nägelke allerdings auf die "Bauausführungen des Preußischen Staates" beschränkt: eine Sammlung ausgewählter Projekte, die ab 1830 auf Initiative von C. W. P. Beuth (1781 - 1853) herausgegeben wurden. Von 130 Blättern des Mappenwerks werden 30 vorgestellt: Wasserbaukunst, Brücken, Nutzbauten und Baukunst, entsprechend den Arbeitsschwerpunkten in der Preußischen Bauverwaltung. Ergänzt wird dieses Material um eine Sektion mit Handzeichnungen. Unter den ausgestellten Arbeiten finden sich neben bekannten Entwürfen wie dem Leuchtturm für Rügen auch unbekanntere Blätter zu technischen Themen. So die Konstruktionszeichnung eines Handbaggers von 1839, der zum Vertiefen der Kanäle diente. Gleich daneben: ein Blatt von 1844, das die Version für Dampfschiffe zeigt.

Bei den Bauausführungen, die vom Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten herausgegeben wurden, stand nicht die ästhetische Wirkung im Vordergrund. Vielmehr waren sie als eine praktische Anleitung zum "Dienstgebrauch" für Beamte in der Provinz gedacht, die bekamen solche Mappen unentgeltlich in ihre Amtsstuben geliefert. Dennoch faszinieren die Kupferstiche gerade im Zeitalter der Computersimulation durch ihre Gestaltung und handwerkliche Qualität. Mit "Neben Schinkel" hat das Schinkelzentrum eine sehenswerte Ausstellung gestaltet und knüpft zugleich an die große Tradition des TU-Architekturmuseums an: 1885 gegründet, galt es bis zum Zweiten Weltkrieg als wichtiger Begleiter des aktuellen Baugeschehens in Deutschland. Mit dieser Wiederbelebung ist es zudem , ohne übermäßige finanzielle Aufwendungen, gelungen, einen großen Schritt in Richtung jenes neuen Architekturmuseums zu machen, das Berlin so dringend benötigt. Anstelle der hochtrabenden Pläne, eine derartige Sammlung in der Bauakademie unterzubringen, deren Rekonstruktion denkmalpflegerisch höchst streitbar ist, hat man sich an der TU auf eine sinnvolle Nutzung vorhandener Ressourcen konzentriert.

Die Spannung in der Theorie

Ohnehin hat das Schinkelzentrum bereits etliches bewegt, seitdem es 2001 seine Arbeit aufnahm. Als einer der TU-Forschungsschwerpunkte widmet es sich dem interdisziplinären Austausch zwischen Architekten, Bauforschern, Denkmalpflegern, Kunsthistorikern und Bauingenieuren. So theorielastig das klingt: Die spannenden Tagungen zum Brandenburger Tor oder zu Mies van der Rohe haben unmittelbare Konsequenzen für Forschung und Öffentlichkeit gehabt. "Neben Schinkel" bildet nun den Auftakt zu weiteren Ausstellungen. So werden rechtzeitig zu dem großen internationalen Architekturkongress im Juli Entwürfe Berliner Architekten mit internationalem Bezug aus der Plansammlung der TU im Ausstellungsforum zu sehen sein.

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