Kultur : Bilder für die heilige Schrift

JÖRG UTHMANN

Wer eine der großen französischen Buchhandlungen betritt, bemerkt sofort einen Unterschied zu den deutschen.Es sind die Beine, die er übersteigen muß, um an die Regale zu kommen.Die Beine gehören den Kunden, die auf dem Boden sitzen und Comics lesen - bandes dessinées, oder noch einfacher: BD.Die meisten Bedephilen sind keine Kinder mehr, sondern junge Erwachsene.BD sind ein gewichtiger Faktor auf dem französischen Buchmarkt: Der Jahresumsatz liegt in der Größenordnung von 350 Millionen Francs (50 Millionen Euro).Die berühmtesten Figuren erreichten Riesenauflagen - Tintin 130 Millionen, Asterix 280 Millionen.Nach einer Statistik des Kulturministeriums liest jeder Franzose im Durchschnitt 14 BD-Bücher im Jahr.

Kein Wunder, daß auch die Literaturwissenschaft die BD ernst nimmt - um so mehr, als ihre Ursprünge im frankophonen Sprachraum zu suchen sind: Als ihr Schöpfer gilt der Genfer Zeichner Rodolphe Töpffer (1799-1846), dessen Romane in Bildern sogar von Goethe bewundert wurden.Später machten sich leider die Amerikaner auf diesem Gebiet sehr breit.Doch der französische Gesetzgeber wußte, was er zu tun hatte: Das Jugendschutzgesetz vom 16.Juli 1949 untersagte nicht nur unmoralische Kinderbücher, sondern auch Illustrationen von schlechtem Geschmack und vulgärem Humor - kurz: alle Comics, die aus Amerika kamen.Nachdem die überseeische Konkurrenz ausgeschaltet war, blühte die einheimische BD-Industrie zu nie gekanntem Umfang auf.150 Spezialbuchhandlungen bedienten eine Klientel, die nur an dieser Form der Literatur interessiert war.Seit 1973 findet alljährlich in Anguolême eine internationale BD-Messe statt.Und 1990 weihte Kulturminister Lang am gleichen Ort das "Musée national de la bande dessinée" ein.

1990 hatte der BD-Rausch seinen Höhepunkt schon überschritten.Zu zahlreich waren die Ablenkungen, die die Kleinen verlockten.Gegen Computerspiele und andere technologische Wunderwerke hatten die BD einen schweren Stand.Manche Zeichner wandten sich anderen Disziplinen zu - dem Film, der Malerei, der Werbung.Doch gleichzeitig eröffnete sich ein neuer Horizont: Viele Erwachsene blieben den leicht konsumierbaren Bilderbüchern, mit denen sie großgeworden waren, treu.Natürlich reichen Astérix und Bécassine, die brave bretonische Dienstmagd mit dem großen Herzen, nun nicht mehr aus.Die Form blieb die gleiche, aber der Inhalt mußte dem reiferen Geschmack angepaßt werden.Zu diesem Ziel führten mehrere Wege: Einer war die Pornographie.Auf diesem Gebiet brillieren vor allem die Italiener.

Ein anderer Weg, ältere Leser bei der Stange zu halten, führte über die Weltliteratur.Schon in den fünfziger und sechziger Jahren hatten französische Verlage die Klassiker des Theaters und der Romanliteratur zu Bildgeschichten verarbeitet.Besonders beliebt waren Alexandre Dumas Vater und Sohn, Victor Hugo, Jules Verne und andere Autoren mit hohem Action-Gehalt.Doch die Ableger kamen über schlecht gezeichnete Verflachungen des Originals nur selten hinaus.1988 trat Frankreichs tonangebendes Verlagshaus, Gallimard, auf den Plan.Es verbündete sich mit Futuropolis, einem confrère aus der BD-Branche, und publizierte Louis-Ferdinand Célines hochliterarischen Kriegsroman "Reise ans Ende der Nacht" als Bilderbuch.Andere Nobeladressen wie Flammarion und Albin Michel folgten.Inzwischen liegen Flauberts "Salammbô", Sacher-Masochs "Venus im Pelz", Faulkners "Als ich im Sterben lag", ja selbst Jules Renards Tagebuch als BD für Anspruchsvolle vor.Der Zeichner des Tagebuchs, in dem weder Eisenbahnkatastrophen noch scharfe Szenen vorkommen, lockerte den Monolog auf, indem er dem Verfasser als Gesprächspartner einen Raben beigab.Natürlich war ihm auch nicht entgangen, daß der Fuchs bei den Franzosen renard heißt.Vor zwei Jahren hatte das Balzac-Haus in Paris genug Material beisammen, um dem ehemaligen Hausherrn eine Ausstellung "Balzac en bande dessinéc" zu widmen.

Dennoch ging ein kleiner Schock durch die Feuilletons, als unlängst "Combray", das erste Kapitel von Prousts siebenteiliger Romanfolge, als Bildgeschichte erschien.Proust ist wie ein teures Parfum, das man ungern am Hals der Küchenhilfe erschnuppert.Daß der konservative "Figaro" die Bebilderung der heiligen Schrift als Sakrileg beschreien würde, war vorauszusehen.Aber auch die Bannerträger der Linken, die sofort auf die Barrikade klettern, wenn das Wort "Elite" fällt, äußerten Unbehagen.Der "Nouvel Observateur" nannte den Sünder, Stéphane Heuet, "naiv und platt"."Libération" empfahl seinen Lesern, sich lieber an den Urtext zu halten.Heuet, der von Hause aus Werbegrafiker ist, zeigt keine Reue.Geduldig will er sich durch das Riesenwerk hindurcharbeiten.Mindestens zwölf Bände sind geplant."Proust wird im Ghetto der Snobs gehalten", sagt er, "wie ein Stück Gold oder ein kostbarer Diamant.Es ist höchste Zeit, ihn unter das Volk zu bringen." Dem Volk scheint der Kaviar zu schmecken.Die erste Auflage der Volksausgabe - 12 000 Exemplare - war innerhalb von drei Wochen vergriffen.

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