Kultur : Bilder gegen die Bilder

„Der Pornograph“ klagt über den Niedergang des Pornofilms. Und meint das Autorenkino

Julian Hanich

Ist die nächste Bastion gefallen? Die Bilder im Kino sind so explizit wie nie. Es wird gebumst und gevögelt mit sichtbarer Penetration. Der erigierte Penis steht stramm im Bild. Es gibt Fellatio und Vergewaltigung, Selbstbefriedigung und Stellungsvariation. Die Filme heißen „Intimacy“, „Lucia und der Sex“ oder „A ma soeur“. Die Regisseure: Catherine Breillat, Leos Carax, Patrice Chéreau, Julio Medem oder Lars von Trier.

Doch wer nun gleich „Skandal“ schreit, liegt verkehrt. Wo bitte provoziert Sex denn noch? Ganze Fernsehsender finanzieren sich mit peitschenschwingenden Dominas und stöhnenden Lustmädchen, in der Kinowerbung – „Lätta hoch2“ – wird ein threesome angedeutet und auf die Analsex-Szene im „Letzten Tango von Paris" angespielt. Ein bisschen Fummeln an der Maus, und schon öffnet sich das Wunderweb der Pornografie. Haben nicht Bildende Künstler wie Jeff Koons oder Robert Mapplethorpe Hardcore museumsfähig gemacht? Und erst die Literatur: Steigern sich da derzeit nicht gerade die Autorinnen – von Catherine Millet über Nelly Arcan zu Christine Angot – von Höhepunkt zu Höhepunkt?

So gesehen, erscheint es ganz normal, dass Hardcore auch den Kunstfilm erobert. Pornografische Bilder lauern überall, also darf und muss auch das Medium der bewegten Bilder darüber reflektieren. Über die frauenfeindliche und patriarchale Rhetorik des Pornogenres etwa, oder über dessen kalte Stimulierung der Lust. Sex sells? Auch diese Formel lässt sich durch den Autorenfilm entmystifizieren.

Das neueste Produkt der Hardcore-Welle im Autorenfilm heißt „Der Pornograph“ – und tut doch nur scheinbar alles für die Provokation. Regisseur Bertrand Bonello geht weiter als alle anderen: Er zeigt einen money shot. So heißt die gagenintensivste Einstellung in der Pornobranche, wenn ein Mann ins Gesicht einer Frau ejakuliert. Die Einstellung dauert zwölf Sekunden. In Großbritannien wurde sie herausgeschnitten.

Doch diese Einstellung ist ein wichtiges Element in einem Film-im-Film-Szenario. Der gealterte Pornoregisseur Jacques Laurent (Jean-Pierre Léaud) kehrt nach Jahrzehnten wieder ins Business zurück. Er lehnt money shots und Nahaufnahmen ab. Doch die alten Regeln gelten nicht mehr. Sein junger Produzent setzt sich am Set durch – und hält die Kamera drauf.

Laurent sieht traurig weg. Für ihn bedeutet der money shot eine Grenze: Wo früher Schauspieler Lust darstellen mussten, genügt jetzt die Nahaufnahme. Wo früher ein Regisseur gefragt war, reicht jetzt eine DV-Kamera. Der money shot – berühmt geworden durch "Deep Throat" (1972), den vielleicht berühmtesten aller Pornofilme – wurde erst um 1977 zu einem Muss im harten Sexfilm. Darum geht es Bonello. Er schildert den Niedergang eines Genres. Er benutzt zwar selbst den money shot – doch nur durch die ungewohnte Härte dieser Bilder können wir die Abscheu verstehen, die seine Figur empfindet.

In „Der Pornograph“ klingt Nostalgie an. Eine Wehmut nach der Zeit des gediegenen Pornofilms. In diesem Punkt, und nur in diesem, erinnert der Film an Paul Thomas Andersons „Boogie Nights“. Bonellos Pornograph Jacques Laurent ist ein Legende – und folglich nicht mehr zeitgemäß. Denn er reflektiert über seine Filme. Er komponiert seine Einstellungen und redet von Innovation. Er ist eine Künstlerfigur. Ausgerechnet im Mai 1968 hat er als Pornoregisseur begonnen. Ein Akt des Widerstands und der Subversion. „Ich glaube, du bist zu alt dafür“, hält ihm nun sein junger Produzent entgegen und übernimmt selbst die Regie. Schnelles Geld ist mit dem langsamen Laurent nicht zu machen.

Immer deutlicher erweist sich Bonellos Story als Parabel auf das Verschwinden des europäischen Autorenkinos. Der Film erzählt eine Vater-Sohn-Geschichte. Doch eigentlich geht es um das Kino selbst. Der Film beginnt mit einer Einstellung auf ein gebanntes Publikum. Und er endet mit einem Zitat von Pasolini. Geschichte, sagt Pasolini, ist die Passion von Söhnen, die ihre Väter verstehen wollen. Und: Mit Geschichte meint der 34-jährige kanadisch-französische Regisseur Bonello die Geschichte des Films.

Er hat sich selbst aufgemacht, seine großen Kinoväter zu verstehen. Einmal beschwört er die Namen Bergman und Antonioni. Mit seinem Film will sich Bonello bewusst in ihre Tradition stellen. „Die Jungen drehen Pornos wie Videoclips“, heißt es einmal. Bonello arbeitet mit langen Einstellungen. Immer wieder zeigt er, metaphorisch aufgeladen, Bäume und Wolken. Und er besetzt Jean-Pierre Léaud. Mit Léaud – einer Ikone des französischen Kinos, dem Godard-Schauspieler und Alter Ego von Truffaut – baut Bonello die sichtbarste Brücke zum Kino der Autorenfilmer. „Der Pornograph“ ist kein Porno: Er sehnt sich zurück nach der bildungsbürgerlichen, kanonischen Kinotradition.

Balazs und fsk am Oranienplatz (jeweils untertitelte Originalfassung)

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