Kultur : Bilder lesen

Zum Tod des Schweizer Künstlers Rémy Zaugg

Bernhard Schulz

Seine Gemälde sind weniger zum Anschauen als zum Lesen. Es handelt sich im Grunde genommen nicht um Bilder, sondern um Schrifttafeln. „Ich bin blind“, heißt es auf einem dieser stets in Serien dargebotenen Bilder. Einen tieferen Widerspruch kann es nicht geben: Denn der Betrachter erkennt das Bild, gerade weil er nicht blind ist. War der Maler blind?

Rémy Zaugg hat alles in Frage gestellt: das Bild, das Sehen, unsere ganze Konvention darüber, was ein Bild sei und wie wir es wahrzunehmen hätten. Vor seinen Schrifttafeln wurde man stets auf diese Ausgangsfragen zurückgestoßen, die sich im Alltag der Bilderflut nicht stellen. Und gleichzeitig sind es doch Bilder, die der Betrachter wahrnimmt, Objekte also aus Farbe und Trägermaterial, noch dazu in verführerischen Zusammenstellungen pastellener Töne oder in delikaten Abstufungen von matt bis glänzend. Und doch bleibt immer die Frage: Was ist ein Bild?

Erst der Betrachter erschafft es. Dies war die Grundüberzeugung von Rémy Zaugg, der – wie jetzt erst bekannt wurde – am Dienstag vergangener Woche in seiner Wahlheimat Basel nach kurzer, schwerer Krankheit 62-jährig verstorben ist. Diesen Gedanken hat er in seinen Schrifttafeln vielfältig dargelegt. Dass er mit den gleichermaßen streng-calvinistischen Basler Architekten Herzog und de Meuron zusammengearbeitet hat, versteht sich beinahe von selbst. Das Duo hat dem 1943 im jurassischen Courgenay geborenen Künstler ein Atelierhaus entworfen, das dessen Grundfrage ins Gebaute übersetzt: Was ist ein Raum?

Auch diese Frage hat Rémy Zaugg immer wieder gestellt. Denn so selbstbezogen seine Tafeln zunächst erscheinen mögen, so sehr machen sie doch ihren Umraum erfahrbar. Wort und Sprache schaffen den Gegenstand, den Raum und mit ihm unser Verständnis von Welt. Denken müssen – das war die Zumutung, die uns Rémy Zaugg auferlegt hat. Fürwahr eine Zumutung.

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