Kultur : Bilder träumen

Geheimnisse der Seele: Das Berliner Filmmuseum sucht das Unterbewusste im Kino

Christina Tilmann

Er hat das Kino gar nicht gemocht: „Die Verfilmung (der Psychoanalyse) lässt sich so wenig vermeiden wie, scheint es, der Bubikopf, aber ich lasse mir selbst keinen schneiden und will auch mit keinem Film in persönliche Verbindung gebracht werden“, schreibt Sigmund Freud 1925 an Sándor Ferenczi. Versuche hatte es genug gegeben, den Vater der Psychoanalyse zur Mitarbeit an einem Filmprojekt zu gewinnen: Ein Zeitungsartikel schildert genüsslich, wie der Produzent Samuel Goldwyn persönlich anreist, um den prominenten Forscher zur Mitarbeit an einem Film zu bewegen und dies überall in Europa schon in den Medien verbreitet. Doch Freud gibt trocken zu Protokoll: „Ich habe nicht vor, Mr. Goldwyn zu empfangen.“ Auch Georg Wilhelm Pabst und seinem Film „Geheimnisse einer Seele“ (1926), der sich an einem wahren Krankheitsfall orientierte, verweigert er die Zusammenarbeit – schließlich wird sein Mitarbeiter Hanns Sachs gewonnen und verfasst ein Begleitheft, das den Zuschauer mit den Grundbegriffen der Psychoanalyse bekannt macht. Freud jedoch betont, er halte es „nicht für möglich, unsere Abstraktionen in irgendwie respektabler Weise plastisch darzustellen“.

Trotzdem ist das Thema so alt wie das Kino selbst: 1895 führen die Brüder Lumière in Paris ihre ersten Bewegtbilder vor, im selben Jahr verfasst Sigmund Freud in Wien seinen „Entwurf einer Psychologie“. Nun, als Ausklang zum Freud-Jahr, widmet das Filmmuseum Berlin dem Thema eine ausgesprochen spannende, hintergründige Ausstellung: Sie legt den Besucher auf die Couch und sperrt ihn in kleine Kammern, steckt ihn ins Tränenkabinett und lässt ihn in Spiegelprojektionen und hinter roten Samtvorhängen zum Voyeur werden. Eine Erlebnis-Ausstellung, die mehr auf die Erfahrung des Besuchers als auf dessen Belehrung setzt: Rund 50 Filmausschnitte laden zur Wiederbegegnung ein, nur sparsam unterstützt von Interviews mit Medizinern, Psychologen und Neurologen – sowie einigen Exponaten aus dem Wiener Freud-Museum und seltenen Filmaufnahmen des Meisters, etwa beim Briefeöffnen. Man sieht ihm an, wie höchst ungern er sich filmen lässt. Kino ist ihm nicht mehr als ein „Leckerbissen“.

Doch vielen anderen ist es weit mehr, Flucht und Erfüllung, Sehnsuchtsort und wahres, besseres Leben. Dass die Schaulust im Kino besonders eng mit Begierden und unterdrückten Gefühlen zusammenhängt, hatte der Theoretiker Jacques Lacan durch Identifikation mit der Figur auf der Leinwand sowie einem regressiven Bewusstseinszustand des Zuschauers im Kinosessel erklärt. Nicht nur Mia Farrow verliebt sich in Woody Allens „Purple Rose of Cairo“ in den Hauptdarsteller und verwechselt Film und Wirklichkeit. Schon Lou-Andreas Salomé, Schriftstellerin und selber Psychoanalytikerin, hatte diagnostiziert, dass der Film mit seiner „Raschheit der Bildfolge“ unserem eigenen Darstellungsvermögen samt der ihm eigenen Sprunghaftigkeit am ehesten entspräche. Und Kafka notiert lakonisch: „Im Kino gewesen. Geweint.“

Das kann auch der Besucher der Berliner Ausstellung am eigenen Leib ausprobieren, im sogenannten Tränenkabinett anhand von Ausschnitten aus fünf besonders einschlägigen US–Melodramen. Und in der Tat: Kaum erklingt die Titelmelodie zu „Frühstück bei Tiffany“ im Regen, kaum heben sich Robert Redford und Meryl Streep in „Jenseits von Afrika“ im Flugzeug über die Wolken, pulst es gefährlich hinter den Lidern. Mag der Effekt noch so berechnet, noch so gewollt sein – er funktioniert, selbst wenn man ihn erkennt. Bloße Regression?

Das Bild und seine Auswirkungen sind das eine, die Erklärung dazu das andere. Erklärt und analysiert worden ist im Kino von jeher mit Leidenschaft, von Hitchcock bis Woody Allen, von Buñuel bis Amos Kollek. Eine Kunstform, die sich fast manisch selbst bespiegelt, die das Über-sich-selbst-Reden besonders kultiviert. Das mag, wie im Falle Alfred Hitchcocks, der von Schizophrenie (in „Psycho“) bis zu frühkindlichen Traumata (in „Spellbound“ und „Marnie“) genüsslich in Küchenpsychologie schwelgt, rührend altmodisch wirken oder, wie bei Michel Gondry, auf der Höhe der gegenwärtigen neurobiologischen Entwicklung sein – auffällig bleibt, dass keine andere Kunstform so exzessiv mit dem Unbewussten und seinen Auswirkungen spielt. Die Ausstellung kann hier, vom Rausch bis zum Gedächtnisverlust und der Verdrängung, von Traumsequenzen bis zur Identifikation oder zum Voyeurismus, die Themen nur antippen, mit einigen exemplarischen Filmabschnitten. Der ganze Film läuft, vorausgesetzt, der Besucher ist einigermaßen vorgebildet, ohnehin schon längst im Kopf ab.

Kino im Kopf. Psychologie und Film seit Sigmund Freud. Filmmuseum Berlin, bis 7. Januar. Begleitfilmreihe im Arsenal, Programm unter www.fdk-berlin.de. Katalog (Bertz + Fischer Verlag) 19,90 €

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