Kultur : Bilder wie Tage und Nächte im Berliner Haus am Waldsee

Katrin Bettina Müller

Gerade einmal 22 Jahre alt war Christian Schad, als er in seinen Bildern vom Heiligen Sebastian und der Kreuzabnahme Christi die Welt aus den Fugen gehen ließ. Das Echo der italienischen Futuristen hallte in den grau zersplitterten Flächen wider, die die Figuren attackierten und zerbrachen. Der junge Münchner lebte zu der Zeit, 1916, in Genf, wo damals kein Deutsch gesprochen werden durfte. In die Schweiz hatte ihn der geglückte Versuch gebracht, sich 1914 der Einberufung zu entziehen, indem er mit Haschisch einen Herzfehler simulierte.

Als Porträtist der Neuen Sachlichkeit wurde Christian Schad bereits in den sechziger Jahren wiederentdeckt. Das Haus am Waldsee lenkte mit einer Ausstellung 1961 den Blick auf seine nüchterne Bestandsaufnahme von Wirklichkeit, die neben der Übersteigerung der Expressionisten zunächst wie ein Kälteschock wirkte. Dass auch Schad zuerst durch den Sturm der Gefühle gegangen war, beweisen seine frühen Holzschnitte in der aktuellen Ausstellung, mit der er nach fast dreißig Jahren ins Haus am Waldsee zurückkehrt.

In ihnen durchquert er die Nächte, nimmt teil an überhitzter Selbstdarstellung und grüblerischem Zerfall. In dunklen Szenen erzählt er von Kupplern, Hehlern und Prügeleien. In kleinen Formaten lässt er das Leben der Außenseiter rumoren, als dürfe die Kunst selbst sich nicht über die beengten Verhältnisse ihrer Protagonisten erheben.

Die Wende zur Malerei der zwanziger Jahre kündigt sich an in dem Doppelporträt "Zwei Kinder" (1917), die noch auf dem zerwühlten Grund des expressionistischen Weltzerfalls gemalt sind. Ihre ruhige Haltung aber, mit der sie sich dem Gegenüber stellen, weist auf den Realisten Schad voraus, der das Leben wie unter einer Glasglocke erstarren ließ.

"Der Magische Realismus (...) lässt das Geheimnis bis ganz dicht unter die Haut der Dinge aufsteigen und durch sie hindurchscheinen - ohne die fragwürdig gewordene Oberfläche zu zerreißen", kommentierte der Maler später. Nicht mehr das Verwischen der Grenzen zwischen Innen- und Außenraum wurde beschrieben, sondern die klare Konturierung und Abgrenzung im Licht des hellen Tages. Einige seiner Porträts tauchten auf Titelblättern der Zeitschriften "Jugend" und "Moderne Welt" auf: Geradlinig schauen die Modelle den Betrachter an, als ob sie die unerschütterlichen Senkrechten und Waagerechten der Stadtlandschaften des Hintergrunds in die Konstruktion des Selbst mit hineingenommen hätten. Sein berühmtes Porträt "Sonja" (1928) konnte sich das Haus am Waldsee von den Freunden der Nationalgalerie ausleihen: Mit Zigarettenspitze, kurzem Rock, kurzen Haaren und dem vielsagenden Blick ihrer dunklen Augen steht "Sonja" für einen selbstbewussten neuen Frauentypus. Weitere Ölgemälde aus Privatbesitz ergänzen die Ausstellung, die vom Kunstkabinett G. A. Richter in Rottach-Egern eingerichtet wurde, das ansonsten Schads Graphiken verlegt.

In einigen Federzeichnungen übersteigert Schad die Distanz, aus der er nun auf die Welt sah, bis zur Ironie. Eine Putzfrau besteigt einen Toten in der Leichenhalle; ein Lebemann, der auf gepackten Koffern sitzt, tätschelt der Frau, die er verlässt, wie einem Hund den Rücken. Doch so dünn sind die Federstriche, so fein die farbigen Schleier, mit denen Schad all dies schildert, dass man solche Augenblicke wie eine Sinnestäuschung vom Blatt zu pusten glaubt.

Seit 1928 lebte Schad in Berlin, ab 1935 finanzierte er sich über einen Biervertrieb. Nach einem Bombenangriff 1943, bei dem auch sein Atelier zerstört wurde, nahm er in Aschaffenburg den Kopier-Auftrag eines Grünewald-Bildes an. Die Zäsur, die Faschismus und Krieg in den Diskurs der Moderne riss, ist in seinem Werk so spürbar wie bei fast allen Angehörigen seiner Generation.

Die Versuche, in den Radierungen der sechziger Jahre an die Wirklichkeitsdemontagen der Zwanziger anzuknüpfen, bleiben illustrativ und verfransen sich in einem poetisch-metaphysischen Gestrüpp. Überraschend sind dagegen seine späten "Schadographien". Schon 1919 hatte er eine Technik des Photogramms entwickelt, die er Jahrzehnte später in der Dunkelkammer verfeinerte. Schatten, Lichtspuren, Scherenschnitte, grafische Muster und fotografisches Abbild mischen sich in diesen surrealen Kompositionen; der Zufall und das Kalkulierte gehen ein Spiel miteinander ein. Die Ebenen, auf denen diese Bilder aufscheinen, schweben zwischen Traum und Erinnerung. Es ist verblüffend, wie ausgerechnet Schad, der sich in der Malerei so stark von der harten Außenseite der Dinglichkeit angezogen gezeigt hatte, der Fotografie das Bündnis mit der Dingwelt wiederum austrieb. In ihr werden das Scheinhafte und die Verfremdung gefeiert.Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 6. Februar. Dienstag bis Sonntag 12-20 Uhr, (31. 12. und 1. 1. geschlosssen). Katalog in der Edition G. A. Richter, Rottach-Egern, 48 DM.

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