Kultur : Bilder zweier Epochen

ANTJA RÜSTER

Der Blick fällt auf eine junge Frau.Angetan mit einem blauen Stadtkleid und weißem Sommerhütchen, hat sie sich an einem Bach niedergelassen; selbstvergessen widmet sie sich der Lektüre eines Buches.Das Blätterdach des sie umgebenden Waldes spendet Schatten vor der drückenden Sommerhitze.Nur hier und da fallen helle Sonnenflecken durch die Blätter auf den Waldboden.

Der Schilderer dieser idyllischen Szene sommerlichen Müßiggangs ist nicht etwa Max Liebermann oder Lovis Corinth, sondern Anton von Werner.Seit 1875 repräsentiert er in seiner Funktion als Direktor der Berliner Akademie den Statthalter wilhelminischer Kunst.Seine privaten Bildnisse zeigen jedoch oft Züge des von ihm offiziell verdammten Impressionismus.Die kleine Skizze der Tochter erscheint insofern als ein Wendepunkt: Mit der um die Jahrhundertwende gegründeten Secession machte der Impressionismus in Berlin Furore wie zuvor der Klassizismus am Übergang vom 18.zum 19.Jahrhundert.

Diese beiden Pole verschränkt die Ausstellung, die Asta von Bethmann-Hollweg und Volker Westphal unter dem Titel "Kunst in Berlin 1830-1930" in den Räumen des "2.Kunstquartiers" zeigen.Beide gehören zu den Mitbegründern der seit zwei Jahren bestehenden "Vereinigung führender Berliner Kunst- und Antiquitätenhändler".Mit rund sechzig Gemälden und Skulpturen, die sie im Laufe von zehn Jahren zusammengetragen haben, präsentieren sie jedoch nicht unbedingt ein "Who is who" der Berliner Kunstgeschichte.Auch wenn prominente Namen nicht fehlen, ist ihnen vielmehr am Typischen der Kunst gelegen.

So weisen sich die "Kranzwinderinnen" des Schinkelfreundes Heinrich Dähling von 1828 mit ihren kühlen Farben und den zeichnerischen Formen als ein typisches Werk klassizistischer Kunstauffassung aus.Einen romantischen Unterton zeigt die nazarenische Figurenstaffage in dem "Blick auf Rom" von Paul Mila aus dem Jahre 1822 (45 000 DM).Die Genremalerei ist wie kaum eine andere Gattung geeignet, die menschlichen Facetten im alltäglichen Leben aufzuspüren: Julius Schraders 1845 datiertes Bildnis einer "Jungen Italienerin" beschreibt ein kleines Mädchen beim Blumenbinden.Biedermeierlich-volkstümlich gibt sich dagegen der "Getreidemarkt" von Jakob Munk aus dem Jahr 1853, während von dem Historienmaler Carl Becker, Amtsnachfolger Anton von Werners, ein historische Genre in altmeisterlicher Manier gezeigt wird.

Akademiemitglieder waren auch Charles Hoguet und Hans Hermann, die mit einer "Normannischen Küste" sowie Ansichten holländischer Häfen Landschaftsansichten zeigen, die von der Reisefreudigkeit der Maler des 19.Jahrhunderts zeugen.Im Gegensatz zu diesen älteren Kollegen suchte Karl Hagemeister die "Sommerliche Landschaft" (46 000 DM) nicht im Süden, sondern fand sie unmittelbar vor den Toren Berlins im märkischen Ferch.Hagemeister schloß sich 1900 der Berliner Secession an.

Dem Wirken dieser zwei Jahre zuvor gegründeten Künstlervereinigung ist ein Schwerpunkt der Ausstellung gewidmet.In Werken von Walter Leistikow, Franz Skarbina, Leo von König, Ulrich Hübner, Dora Hitz und George Mosson hält der Impressionismus Einzug in die Berliner Kunst.Ludwig von Hofmanns "Frühlingstanz" von 1905 ist ein seltenes Beispiel Berliner Jugendstilmalerei, während Lesser Ury den "Nebel über der Themse" (1926) nahezu monochrom auf die Leinwand bannte, wäre da nicht ein Sonnenstrahl, der sich seinen Weg bahnt und die Themsebrücke erahnen läßt.Die zweite Künstler-Generation innerhalb der Secession beschließt hier mit Werken von Willy Jaeckel, Eugen Spiro und Bruno Krauskopf nicht nur die Malerei, sondern, vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Machtübernahme, auch die Klassische Moderne.

Kunsthandel Asta von Bethmann-Hollweg und Volker Westphal, 2.Kunstquartier, Markgrafenstraße 35, bis 3.April; Montag bis Freitag 11-19 Uhr, Sonnabend 11-14 Uhr.

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