Bilderbuch : Erste Liebe

Stian Holes Bilderbuch „Morkels Alphabet“ mit atemberaubend schönen Zeichnungen erzählt von einer Kinderfreundschaft

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Stian Hole ist ein begnadeter Illustrator. Zeichnung: Stian Hole
Stian Hole ist ein begnadeter Illustrator.Zeichnung: Stian Hole

Auf dem Zettel, den Anna auf dem norwegischen Acker im Schnee findet, steht: „Hallo.“ Es folgen Botschaften von Laubsängern und Mauerseglern, und es beginnt so etwas wie ein archaischer Chat. Anna schreibt: „Wer bist du?“ Am nächsten Tag steht da: „Morkel.“

Morkel kommt fast nie zur Schule – und wenn, spricht er kaum. Anna und Morkel nehmen Kontakt auf – über ihre Zettel, über Beobachtungen und indem sie den in die Natur gelegten Spuren vorsichtig folgen. An Morkels Baumhaus treffen sie sich. Morkel sammelt Wörter, auf Zetteln, in der Baumrinde, in Gedanken. Schöne, sprechende Wörter. Grünspecht, Rotdrosseln und Hohltauben. Anna schenkt ihm „Moschusochse, Gänsehaut und Ackerland, die sind für dich.“

Mit Wörtern – und dem Schweigen dazwischen – sammeln Anna und Morkel Eindrücke. Sie liegen in ihren Schlafsäcken in der Kälte und „glühen“. Sie verstehen sich im Vertrauen, im Sein. „Was kannst du gut?“, fragt sie. „Nichts“, antwortet er. „Was noch?“, fragt Anna und Morkel denkt lange nach. Und sagt: „Ich weiß, wo der Fischadler sein Nest hat, und wo die Bachstelzen im Frühjahr landen.“

Stian Holes Buch „Morkels Alphabet“ lässt sich auf verschiedene Arten lesen: Man kann der Geschichte folgen. Man kann einzelnen Wörtern nachspüren. „Alles wirkt größer“ mit Morkel im Baumhaus, merkt Anna. Wo weniger laute Kommunikation ist, werden die Dinge größer, die Wahrnehmung genau: der warme Atem in kalter Luft, die Konsistenz von Schnee, „die Muttermale auf der Wange und die Härchen im Nacken“.

Holes fotorealistische Farbzeichnungen sind so präzise wie seine Sprache – auch im Weglassen. Collagenhaft bleiben Räume und Spannungen offen. Das wirkt mal abrupt, sprunghaft. Oder traumverloren und sinnend. Mehr braucht es nicht für diese erste kleine große Liebe – eine Kinderfreundschaft, die buchstäblich wenig Worte braucht. Irgendwann berühren sie sich kurz. An der Schulter. Dann ist Morkel weg. Bis im Frühling wieder ein Zettel auftaucht.

Aber Anfang und Ende des Buches sind nicht die Grenzen dieser Geschichte. In Stian Holes 2014 veröffentlichtem Bilderbuch „Annas Himmel“ hatte Anna ihre Mutter verloren und aus der Trauer eine neue Gemeinsamkeit mit ihrem Vater entwickelt.

Stian Hole: Morkels Alphabet. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Hanser Verlag, München 2016. 48 Seiten. 14,90 Euro. Ab sechs Jahren.

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