Bilderwelten der Aufklärung : Die Milbe im siebten Stock

"Wir leben auf der Erde wie Flöhe auf unserem Kopf" - diesen Ausspruch Immanuel Kants haben die Ausstellungsmacher der Staatlichen Museen Berlin zum Motto gewählt. Am Kulturforum zeigen sie die ganze Vielfalt des 18. Jahrhunderts, in dem ganz neue Verbindungslinien zwischen Kunst und Wissenschaft geknüpft wurden.

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Staunende Wissenschaft. Mezzotinto-Grafik nach Joseph Wright of Derbys Gemälde „Akademie“ (1769).
Staunende Wissenschaft. Mezzotinto-Grafik nach Joseph Wright of Derbys Gemälde „Akademie“ (1769).Foto: Staatliche Museen zu Berlin

Von der Freiheitsstatue ist nur ein Torso geblieben, versunken im Strand. Die Fackel, die einst auf Liberty Island die Auswanderer im New Yorker Hafen begrüßte, ragt windschief in den Himmel. Im Vordergrund kniet Charlton Heston und ruft verzweifelt: „Ihr Wahnsinnigen! Ihr habt die Erde in die Luft gesprengt! Ich verfluche euch!“ So endet der Science-Fiction-Film „Planet der Affen“, eine Anti-Utopie aus dem Jahr 1968, die längst zu den Klassikern ihres Genres gehört. Überraschenderweise hängt ein Foto der berühmten Schlussszene in einer Ausstellung der Staatlichen Museen Berlin, die sich den „Künsten der Aufklärung“ widmet. Doch genau das ist die These der Ausstellung: Dass die Bilder des 18. Jahrhunderts bis heute unsere Vorstellungen davon prägen, wie die Zukunft aussehen könnte – und das Ende.

Auch das 18. Jahrhundert erlebte sein 9/11, einen Schockmoment, der Unheilsszenarien auslöste. Am 1. November 1755 erschütterte ein schweres Erdbeben Lissabon. Es folgten drei Flutwellen, nach Augenzeugenberichten bis zu dreißig Meter hoch, und Feuersbrünste. Zehntausende Menschen starben. Kurz zuvor hatten in Herculaneum (1738) und Pompeji (1748) systematische Ausgrabungen begonnen, bei denen die Überreste der bei einem Vesuv-Ausbruch zerstörten römischen Städte freigelegt wurden. Die Funde weckten die Antikensehnsucht der Epoche, aber auch ein Bewusstsein dafür, wie schnell eine Zivilisation untergehen kann.

So versammelt die Ausstellung Dutzende von Bildern, die vom zeitgenössischen Publikum in einer Mischung aus Ergriffenheit und Angstlust rezipiert wurden. Grafische Reportagen zeigen Sturm- und Hochwasserkatastrophen, Beben und Vulkanausbrüche. Giovanni Battista Piranesi präsentiert in seinen Radierzyklen überwucherte römische Ruinen als wildromantisches Arkadien. Johann Heinrich Füssli gibt einer Zeichnung den programmatischen Titel „Der Künstler, verzweifelt vor der Größe der antiken Trümmer“. Dargestellt ist ein Mann, der seinen Kopf in der Hand verbirgt und sich auf einen gigantischen antiken Steinfuß stützt, Fragment einer Statue. Ein Melancholiker, den die Apokalypse schaudern lässt.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, lautet Immanuel Kants zu Tode zitierte Definition. Die von der Berliner Kunstbibliothek organisierte Ausstellung hat sich ein anderes Zitat des preußischen Meisterdenkers aus Königsberg zum Motto gewählt: „Wir leben auf der Erde wie Flöhe auf unserem Kopf.“

Die Erfindung des Mikroskops und die Verbesserung der Teleskopie hatten dem Menschen buchstäblich vor Augen geführt, dass er nicht im Mittelpunkt der Schöpfung steht. Neben seiner Welt existieren andere Welten, Mikro- und Makrokosmen, ein Multiversum. In einer oktogonalen Wunderkammer versammelt die Schau besonders bizarre „Bewohner der Gestirne“ (Kant): Sternenwesen, Baummenschen, Damen mit hochgetürmten, obszön geformten Allongeperücken, gewaltig vergrößerte Stubenfliegen. Bücher berichten von einer „geschwinden Reise auf dem Lufft-Schiff nach der obern Welt“ und halten den „Monolog einer Milbe im siebenten Stock eines Edamer Käses“ fest. Die Grenzen zwischen Wissenschaft, Satire und Fiktion sind fließend.

Ob die Bildende Kunst tatsächlich, wie Kurator Moritz Wullen konstatiert, kein Randphänomen der Aufklärung, sondern eine „treibende Kraft wie Literatur oder Philosophie“ war, darüber ließe sich streiten. Der Ausstellung mit 330 Exponaten auf 800 Quadratmetern gelingt es, einen staunenswerten Überblick über die Bilderwelten des 18. Jahrhunderts zu geben. Manches wirkt dabei fremd, vieles aber unserer Gegenwart erstaunlich nah. Ohne dass man gleich, wie Wullen es tut, angesichts von William Hogarths ironisch belehrenden Grafikfolgen von „Schwarmintelligenz“ sprechen und in Denis Diderots „Encyclopédie“ eine „analoge Frühform von Wikipedia“ sehen muss.

Der Titel der Ausstellung „Von mehr als einer Welt“ entstammt einem Roman von Bernard Le Bovier de Fontenelle, der die astronomischen Theorien von mehreren, potenziell bewohnten „Welten“ europaweit verbreitete. Kupferstichillustrationen zeigen Galaxien, die pusteblumenartig um unser Sonnensystem angeordnet sind. Für Gott war in dieser Welt bald kein Platz mehr – und auch nicht für Könige, die sich selber als Sonne ihres Territoriums verstanden. In der Ausstellung hängt ein gekreuzigter Jesus aus Wachs, dessen geöffneter Brustkorb den Blick auf Knochen, Blutgefäße und Gedärme freigibt. Der Sohn Gottes als anatomisches Objekt. Etwas weiter betritt Ludwig XIV. auf einem Kupferstich das Schafott. Seine letzten Worte sollen gelautet haben: „Ich sterbe ohne Schuld.“

Sonderausstellungshallen am Kulturforum, bis 5. August, Di - Fr 10 - 18, Sa/So 11 - 18 Uhr. Der hervorragende Katalog (Imhof Verlag) kostet 39, 95 €.

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