Bildhauer Jannis Kounellis gestorben : Odysseus geht

Meister der Arte povera: Zum Tod des Bildhauers Jannis Kounellis.

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Jannis Kounellis (1936 bis 2017) vor einem seiner Werke.
Jannis Kounellis (1936 bis 2017) vor einem seiner Werke.Foto: dpa

Als eine seiner letzten großen Arbeiten für Berlin inszenierte Jannis Kounellis einen Totentanz. Im Schinkelpavillon präsentierte der Bildhauer Beinprothesen aus Leder, Kunststoff und Metall, dazu bunte Frauenschuhe – ein Verweis auf die Nähe von Leben und Tod. Zwei Jahre später kehrte er noch einmal für eine Ausstellung zurück und präsentierte sich 2013 in den ehemaligen Druckereihallen des Tagesspiegels, in der Galerie Blain Southern, mit seinem klassischen Material. Auf dem Boden der lang gestreckten Halle fügte er mit dickem Garn schwarze Mäntel zu einer langen Schlange zusammen, die sich um kohlegefüllte Säcke windet. Dazu hingen tonnenschwere Stahlträger vor schwarz grundierten Leinwänden von der Decke. Kohle, Stahl, Briketts – das war der Stoff, aus dem gewöhnlicherweise die Installationen des seit seinem 20. Lebensjahr in Italien wohnenden Griechen waren. Von ihm besitzt jedes große Museum der Welt mindestens ein Werk, wenn nicht eine raumgroße Installation, als Referenz an die Arte povera.

Kounellis gilt als einer der bekanntesten Vertreter dieser Richtung, die ihren Ursprung in den frühen 60ern hat. Damals suchten die jungen Künstler den Ausbruch aus dem herkömmlichen Werkbegriff, indem sie sich „armer“ Materialien von der Straße bedienten und mit Aura aufluden. Kounellis war damals noch Maler und holte sich für seine Bilder Teer, Erde, Kartoffelsäcke, Schrott. Für ihn bedeutete dieser Akt nicht nur eine Absage an die Erwartungen des Kunstbetriebs, sondern stellte auch eine Demonstration der eigenen Befreiung dar. Geboren in Piräus, hatte er sich von Zuhause zum Studieren nach Rom abgesetzt und damit auch den gewalttätigen Konflikten in seiner Heimat den Rücken gekehrt.

Später hat er gerne erzählt, dass er immer auf der Suche nach einem Rückweg gewesen sei, aber wie Odysseus von einem Abenteuer ins nächste gestolpert wäre. So konnte man im antiken Pathos, der großen Theatralik, der melancholischen Schwere seiner Installation immer auch seine Herkunft erkennen. Kein Wunder, dass Theatermacher wie Heiner Müller auf ihn aufmerksam wurden und ihn um Bühnenbilder baten. Schließlich betätigte sich Kounellis selbst als Theaterautor. Zwischen 1993 und 2001 lehrte er an der Düsseldorfer Kunstakademie.

Damit war der Bildhauer wieder Teil des Kunstbetriebs geworden, dem er mit Feuer und Schwert und zu Pferde als junger Mann eigentlich den Kampf angesagt hatte. 1969 installierte er in einer Ausstellung in Paris Gasflammen an der Wand, um die Vergänglichkeit direkt sichtbar zu machen, die Konsumierbarkeit von Kunst zu unterlaufen. Im gleichen Jahr holte er elf Pferde in eine römische Galerie, um das Leben, die reale Welt vorzuführen. Als Reminiszenz seiner Auflehnung waren in seiner letzten Berliner Ausstellung noch gewetzte Stahl zu sehen. Kounellis verstarb am Donnerstag in Rom mit 80 Jahren. Nicola Kuhn

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