Bildung : Ein Tropfen auf den heißen Stein

Die Berliner Politik betreibt kulturelle Bildung nur als Event – eine Replik auf André Schmitz

Christian Höppner

Als Plädoyer für kulturelle Bildung möchte Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz seinen Beitrag „Der Freiheit eine Klasse“ (siehe Tagesspiegel vom 8. Juli) verstanden wissen. Er preist den Modellfall Berlin, wo 3,5 Millionen Euro in einen Projektfond investiert werden, der die Vernetzung von Kitas und Schulen mit Opern, Theatern oder Museen fördert. Sprechen wir also nicht, wie Schmitz lobenswerter Weise fordert, von wenig brauchbaren Pisa-Studien. Wiederholen wir ebenso wenig Schmitz’ wohlklingende Worte, was Bildung wirklich sei – Definitionen, die weder revolutionär noch neu sind, was schon das Zitieren Goethes und Schillers offenbart. Diskutieren wir auch nicht, was genau der Begriff „bildungsbürgerlich“ meint und inwiefern dies einem allgemeinen Zugang zu kultureller Bildung im Wege steht.

Wer wie Schmitz ein Programm wie das nordrhein-westfälische „Jedem Kind ein Instrument“, das in Regie des Landesmusikrates Berlin unter anderem in der Hauptstadt eine Nachahmung und Weiterentwicklung erfährt, abwatscht, weil es sich angeblich zu sehr an „bildungsbürgerlichen Wertvorstellungen“ orientiere, der beweist weniger, das dem so ist, sondern lediglich, wie sehr sein eigenes Denken von bildungsbürgerlichem Standesdünkel geformt ist. Denn wieso sollte das Erlernen eines Instrumentes ein Privileg bildungsbürgerlicher Sphären bleiben? Was ist das eigenhändige Musizieren anderes als Bildung im Ur-Schmitz’schen Sinne, nämlich „ein Erlebnis, das Geist, Sinne und Seele gleichermaßen formt“?

Wer das angesprochene Programm kennt, weiß, dass das Prinzip des „die Kultur kommt zu den Jugendlichen“ von Anfang an ein prägender Bestandteil des Projekts war. Eine Idee, die Schmitz nun, sich selbst auf die Schulter klopfend, als Berliner Innovation verkaufen möchte. So richtig es ist, dass sich der Berliner Senat endlich mit dem Thema kulturelle Bildung befasst, so sehr der Projektfonds in die richtige Richtung weist, so sehr ist all dies angesichts der Berliner Wirklichkeit ein Tropfen auf den heißen Stein.

Nichts ist neu an diesem Projekt, im bundesweiten Vergleich sind Länder wie Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Hessen schon wesentlich weiter. Das Problem liegt aber nicht an irgendeiner zu kurz gegriffenen Projektidee, sondern schlicht am mangelnden Interesse des Regierenden Bürgermeisters und des „Bildungs“-Senators. Bezeichnend für die desolate Situation der politischen Verantwortungswahrnehmung ist schon die Tatsache, dass nicht etwa der zuständige Senator Zöllner sich mit Herz und Verstand, mit Wort und Tat für die kulturelle Bildung in Berlin engagiert, sondern der Staatssekretär der Kulturverwaltung. Während in der Kita, der Schule und der Musikschule kürzungsbedingt immer mehr Kindern eine qualifizierte und kontinuierliche künstlerisch-ästhetische Bildung vorenthalten wird, sonnt sich das politische Berlin in einem neuen Event.

Nichts gegen Events, die neue Impulse setzen, doch die fortschreitende Eventisierung der Bildungspolitik führt zu einem Placeboeffekt, der in einer verwüsteten Bildungslandschaft Potemkin’sche Dörfer errichtet. Der Erhalt der musikbetonten Grundschulen zum Beispiel wird als Erfolg verkauft, zugleich aber stehen rund 6000 Schülerinnen und Schüler vor verschlossenen Musikschultüren, vom massenhaft ausfallenden oder fachfremd erteilten Musikunterricht in der Schule ganz zu schweigen.

Generell wären alle jungen Menschen, unabhängig von Herkunft und Schulleistung, offen für das „Erlebnis“ Bildung, so Schmitz. Die allgemeinbildenden Schulen hätten nur – unter anderem für „oft über stupende kulturelle Adaptionsfähigkeiten“ verfügende Migranten – „nicht das richtige Angebot“. Ist dies wirklich, wie der Staatssekretär suggeriert, der spezifischen Charakteristik der schulischen Lernatmosphäre geschuldet? Sind es tatsächlich die falschen Angebote – oder aber schlicht und einfach gar keine? Keine mehr? Und warum gibt es sie nicht, nicht mehr?

Wir brauchen endlich politisches Handeln, das sich mit Fantasie und Entscheidungsfreude an den Potenzialen dieser Stadt orientiert. Zweifelhafte Zahlenvergleiche wie etwa in dem neusten Qualitätsbericht zu den Berliner Musikschulen helfen da überhaupt nicht. Jedes Kind muss, unabhängig von seiner Herkunft, die Chance auf ein Angebot kultureller Bildung erhalten, das auf der musischen Ebene zum Beispiel die Musik anderer Ethnien einschließt.

Gerade der Musik kommt bei der kulturellen Bildung von Kindern und Jugendlichen eine herausragende Bedeutung zu. Nicht zufällig ist der Großteil der im Rahmen des von André Schmitz erwähnten Berliner Projektfonds bewilligten Projekte musikalischer Natur. Musik ist die unmittelbarste ästhetische Erfahrung, die man sich vorstellen kann. Im Sinne einer guten kulturellen Bildung müsste musikalische Früherziehung in Krippe, Kindergarten und Hort bereits Bestandteil der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern sein.

Musikalische Bildung muss in der Schule wieder selbstverständlicher Teil des Lehrplans werden und dazu bedarf es eines qualifizierten, breit angelegten und durchgängigen Musikunterrichtes in allen Schularten und allen Jahrgangsstufen. Schluss mit der Masche, wertvolle kulturelle Infrastruktur breitflächig aushungern zu lassen und deren partielle Wiederbelebung als großen Erfolg zu feiern! Eine jedes Kind erreichende kulturelle Bildung erfordert mehr. Viel mehr.

Der Autor ist Präsident des Landesmusikrates Berlin.

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