Kultur : Bildungsreform im Kosovo: Schulbücher ohne Hass

Matilda Jordanova-Duda

Im Kosovo bemüht sich die Unesco um eine radikale Bildungsreform. Dabei geht es nicht nur um eine Modernisierung, sondern auch um eine Überwindung der Negativbilder der jeweils anderen Seite. Nach 1989 beherrscht nicht mehr der Klassenkampf, sondern der Kampf um die eigene Staatlichkeit den Unterricht in den ex-sozialistischen Ländern: Die eigene Nation wird herausgestellt, wie sie sich wiederholt gegen Fremdherrschaft, Unterdrückung durch andere Völker, Nationen und Großreiche zu behaupten weiß. Heldenhafte Männer, martialische Kriegsbilder, wo man auch hinschaut. Und jede Seite findet ihre eigenen Mythen in der Geschichte: die Albaner genauso wie die Serben, genauso wie die Kroaten.

1999 hat die Unesco eine Initiative zur Schulbuchrevision auf dem Balkan ins Leben gerufen. Der Auslöser war der Kosovo-Konflikt. Vor einem Jahr kamen rund 70 Wissenschaftler, Schulbuchautoren und Lehrplaner von den Bildungsministerien der zehn südosteuropäischen Länder, einschließlich Serbiens, auf einer Konferenz im schwedischen Visby zusammen. Für viele überraschend einigten sich die Experten darauf, dass "in manchen Schulbüchern den nationalen Aspekten zu viel Bedeutung beigemessen wird und die internationalen, regionalen und lokalen Aspekte vernachlässigt werden." Eine weitere Erkenntnis: "Die Geschichte der Kriege und der Gewalt nimmt zu viel Platz ein im Vergleich zu den langen Perioden des friedlichen Nebeneinanders, der Zusammenarbeit und des kulturellen Austausches". Autoren von historischen Romanen, darunter der Klassiker der albanischen Literatur Ismail Kadare, haben sich ebenfalls dazu bekannt.

Die Probleme, die der Kosovo in den Schulen hat, sind aus Bosnien hinlänglich bekannt. Dort haben alle drei Ethnien eigene Schulbücher. Die bosnischen sind nur für die Bosniaken, die Konder im kroatisch-herzegowinischen Teil haben Bücher aus Kroatien, und die Schüler der Republika Srpska lernen mit Hilfe von Texten aus Belgrad. Von einer gemeinsamen Identität kann keine Rede sein. Jede Ethnie informiert nur über ihre eigene Kultur, Religion und Sicht der Dinge. Schlimmer noch: "Es werden auch nach der bewaffneten Auseinandersetzung Hass und Gewalt gesät, es wird Vergeltung verlangt", sagt Traugott Schöfthaler, General-Sekretär der Deutschen Unesco-Kommisson, mit Blick auf eine Untersuchung, die die internationale Organisation in Bosnien abgeschlossen hat.

Wegen Volksverhetzung entlassen

Das wollte die Internationale Gemeinschaft nicht länger hinnehmen und griff hart durch. Schuldirektoren wurden wegen Volksverhetzung entlassen. Hochemotionale Passagen in den Büchern der drei Ethnien wurden geschwärzt oder mit einem Stempel versehen. Dieser Absatz enthält Material, dessen Wahrheit nicht erwiesen ist und derzeit überprüft wird, heißt es dann.

Trotz gemeinsamer Erklärung der VisbyKonferenz stehe das Schwierigste erst bevor, sagt Schöfthaler. Das zeige die langjährige Erfahrung seiner Organisation mit Schulbuchrevision in vielen Erdteilen. Wenn Experten zweier Länder, die bis dahin Feinde gewesen sind, sich nun zusammensetzen, beginnt das Tauziehen: Wer hat mehr Opfer im Zweiten Weltkrieg zu beklagen - mein Volk oder dein Volk? Eure Truppen haben gebrandschatzt und geplündert wie die Barbaren - aber unsere niemals!

Hilfe Dritter gegen Vorurteile

Da hilft nur eins, sagt Schöfthaler: erfahrene Dritte einzubeziehen. Einen ähnlichen Weg haben schließlich schon mehrere Länder beschritten: Erinnert sei an Deutschland und Polen oder an die Region Südtirol. Schulbuchgespräche laufen derzeit zwischen Israel und Palästina und auch in den GUS-Ländern. Das deutsche Georg-EckertInstitut für internationale Schulbuchforschung hat in seinem 25-jährigen Bestehen viele dieser Gespräche begleitet und begleitet sie immer noch.

Nun engagiert sich das Braunschweiger Institut auf dem Balkan. Die junge Wissenschaftlerin Heike Karge koordiniert das Projekt. Als erstes sollen sich die Historiker und die Pädagogen überhaupt kennenlernen und einen Blick in die Bücher der Nachbarn werfen, sagt sie. Die gegenseitige Wahrnehmung und der Austausch von Büchern und Curricula sind auf dem Balkan neu.

Die Probleme im Kosovo sind jedoch nicht nur inhaltlicher Art. Mit 2000 zusätzlichen Schulpflichtigen pro Monat rechnet Professor Michael Daxner, ehemaliger Präsident der Universität Oldenburg und seit Mai Bildungsadministrator der UNMIK. Und das in einem Land, dessen Bevölkerung zu einem Fünftel aus schulpflichtigen Kindern besteht. Nicht nur die Rückkehrer, auch die Daheimgebliebenen brauchen spezielle Angebote. Die Lehrer, die den Unterricht auf Albanisch zehn Jahre lang im Untergrund angeboten haben, sind stolz auf ihre Leistung. Dass künftig die Rückkehrer aus Deutschland eine Prämie oder durch Zusatzqualifikation vielleicht die besseren Posten im neuen Kosovo bekommen, das sehen sie nicht ein. Auch nicht, dass die albanische Schule - bei allem Respekt für den hartnäckigen Widerstandskampf - sehr reformbedürftig ist.

Deutsche Hochschulen helfen bei der Lehrerbildung. Lehrer aus dem Kosovo, die nach Ende des Kriegs aus Niedersachsen in ihre Heimat zurückkehren wollen, wurden in der Universität Oldenburg auf ihre künftige Tätigkeit vorbereitet. Die Mehrheit unterrichtete früher an Grundschulen. Sie machten von Februar bis Mai eine Fortbildung am Institut für "Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen" der Universität Oldenburg. Professor Rolf Meinhardt ist voller Lob für seine Kursteilnehmer. Nie habe er bisher so eine motivierte, neugierige und freudig lernende Gruppe erlebt. Auf dem Lehrplan standen gewaltfreie Konfliktlösung, Friedens- und Demokratieerziehung und Arbeit mit traumatisierten Kindern.

Mit der Aussicht auf eine sichere Stelle oder etwa eine höhere Bezahlung ist die Motivation der Gruppe nicht zu erklären. Denn dafür gibt es keine Garantie. Die meisten der 16 Lehrer und Lehrerinnen sind inzwischen in Pristina - und unterrichten dort erst mal Kollegen. Anfang August hatte die Hochschule ihr Projekt in den Kosovo verlagert und ein Büro in Pristina eröffnet. "Wir wollen die Kurse mit Hilfe unserer ausgebildeten Supervisoren nach Art eines Schnellballsystems ausweiten", sagt Professor Meinhardt. "Unsere Leute kennen die Probleme der Flüchtlingskinder, die von einem Schulsystem mit ganz anderen pädagogischen Ansätzen zurückkehren. In Deutschland gehen die Lehrer total lässig mit den Schülern um - Selbstaktivität der Kinder ist angesagt. In einer kosovarischen Schule, die sehr viel stärker auf Disziplin achtet, wird viel mehr mit Druck und Auswendiglernen gearbeitet. Das bereitet Schwierigkeiten. "

"Wir waren bisher mit unserer Initiative allein auf weiter Flur", sagt der Oldenburger Professor, "und hatten auch kaum Vorbilder". Inzwischen ist die Reform vor allen Dingen des Geschichts- und Sozialkundeunterrichts zu einem wichtigen Baustein des Stabilitätspaktes für Südosteuropa geworden.

Erfahrungen in Bosnien

In Bosnien haben die Vertreter der Internationalen Gemeinschaft, so Traugott Schöfthaler, die Konfliktparteien davon überzeugt, dass sie zumindest eine ständige Koordination bei ihrer Bildungsplanung brauchen. Die Unesco sieht die wichtigste Reform darin: Im Unterricht sollte ein Kernbereich gebildet werden, in dem alle Schüler ungefähr den gleichen Stoff lernen. Das sind erstens die Menschenrechte. Zweitens die Staatsbürgerkunde, nicht nur als abstraktes Wissen über Demokratie, sondern im Fall Bosnien-Herzegowinas als eine ganz klare Forderung an alle Behörden, dass die Existenz dieses Staates, seine Struktur und sein Aufbau in allen Landesteilen in ähnlicher Form vermittelt werden.

Würden morgen die neuen, politisch korrekten Materialien ausgeteilt, so könnten die Lehrer wahrscheinlich nichts damit anfangen. Viele sind es nicht gewohnt, verschiedene Quellen darzubieten und eine Diskussion in der Klasse zuzulassen. Derzeit lesen die Schüler ihr Lehrbuch, "als sei da schwarz auf weiß die absolute Wahrheit auf alle Zeit gedruckt, die man auswendig lernt und auf entsprechende Frage des Lehrers wiedergibt - je größer die Übereinstimmung der Antwort mit dem Text, desto besser die Zensur", so schildert der stellvertretende Direktor des Georg-Eckert-Instituts, Falk Pingel, die Situation. Da ist es schwer, eine offene Diskussion in Gang zu bringen. Die Deutsche Unesco-Kommission hat inzwischen eine halbe Million DM Spenden gesammelt, mit denen ein Bildungsserver in Sarajewo eingerichtet wird. Für Schulen ohne Internet-Zugang werden Unterrichtsmaterialien auf Englisch und in den Sprachen des Balkans auf CD-Roms bereitgestellt. Mit einer solchen Kombination aus On- und Offline wird auch im Kosovo gearbeitet.

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