Bill Naughton und sein Roman "Alfie" : Mitleid mit dem Verführer

Alfie gehört zu den großen Verführern der Weltliteratur. Doch hierzulande kannte man den Londoner Schwerenöter bislang vor allem aus den Filmen mit Michael Caine und Jude Law. Jetzt erscheint die Vorlage, Bill Naughtons Roman "Alfie", endlich auf Deutsch.

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Unwiderstehlich. Jude Law als Alfie in der Verfilmung von 2005.
Unwiderstehlich. Jude Law als Alfie in der Verfilmung von 2005.Foto: Imago

Sex im Auto kann Nebenwirkungen haben. Deshalb zieht Alfie vorher ein großes Taschentuch heraus und legt es auf sein Sakko. Denn dem jungen Mann, der in seinem superschicken Ford Consul 375 mit einer Geliebten rummacht, ist sein gepflegtes Äußeres wichtig. Er versteht es als Geschenk an die Frauen. Tagsüber als LKW-Fahrer unterwegs, verwandelt er sich nach Feierabend in einen dandyhaften Beau. Heute trägt er einen „marineblauen Anzug aus so leichtem Material, es heißt Tonik und wird von Dormeuil produziert“. Das Schäferstündchen in der an der Themse geparkten Limousine endet im Slapstick. Alfies Flamme, von ihm ein wenig uncharmant als „Mischung aus Jane Mansfield und einem Proficatcher“ beschrieben, bekommt einen Krampf, blockiert mit ihrem Knie die Hupe und kann nur mühsam aus dem Wagen gehievt werden.

Alfie gehört zu den großen Verführern der Weltliteratur, er ist ein proletarischer, gossenpoetischer Nachfolger von Don Juan und Casanova. In Deutschland kannte man ihn bislang vor allem aus den Verfilmungen mit Michael Caine (1966) und Jude Law (2004). Alfie lässt nichts aus. Im Gegenteil, er lässt sich ein, hat ständig zwei, drei wechselnde Beziehungen gleichzeitig. „Mäuse“, „Schnecken“, „Bienen“, „Bräute“, „Schätzchen“, „Trullas“, „Ischen“ oder „die Kleinen“, so nennt er seine Gespielinnen, klar ist: An Nachschub mangelt es nicht. Nichts fürchtet Alfie mehr als sich „reinziehen zu lassen“. Eine feste Bindung wäre das Ende, ewige Gefangenschaft. Heute würde man ihn wohl „polyamorös“ nennen. Sex ist für ihn Sucht und Selbstbestätigung. „Dass ist die reine Gier. Kommt wohl von den ganzen Jahren, als man wollte und wollte, und sie ließen einen nicht ran. Und jetzt bringt man es einfach nicht fertig, ein Schnäppchen sausenzulassen.“

Alfies Schöpfer Bill Naughton, 1910 in Irland geboren und 1992 auf der Isle of Man gestorben, hatte eine Zeitlang als LKW-Fahrer gearbeitet, bevor er als Journalist und Theaterautor den Durchbruch in London schaffte. Ein bisschen von ihm wird also auch in seinem Helden stecken, der schlagfertig und straßenschlau ist, ein Möchtegernphilosoph, der den Leser immer wieder direkt anspricht. „Männer im Rudel sind einfach Idioten, meine Meinung“, lauten seine Weisheiten oder: „Wenn du weißt, dass du nicht sterben musst, nimmst du schnell wieder Kurs auf normal“.

Der Roman aus dem Swinging London von 1966 erscheint nun, kongenial schnoddig von Marcus Gärtner und Kathrin Passig übersetzt, erstmals auf Deutsch. Was als Komödie beginnt, wird zur Tragödie. Alfie landet im Lungensanatorium, verlässt eine Frau, die ein Kind von ihm bekommt und zwingt eine andere zur Abtreibung. Er stirbt beinahe und fühlt sich von aller Welt verlassen. Aber er gibt nicht auf. Und sein Charme wirkt noch immer. Alfie ist ein Stehaufmännchen. „Tja, muss man auch sein im Leben, wisst ihr ja.“

Bill Naughton: Alfie. Roman. Aus dem Englischen von Marcus Gärtner und Kathrin Passig. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2015. 304 Seiten, 10, 99 €.

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