Kultur : Billigpreis: Stefan Reinecke über Martin Walser und die "Unerschrockenheit"

Martin Walser hat den Büchner-Preis und den Ricarda-Huch-Preis bekommen, das Bundesverdienstkreuz und vieles mehr. Er, der Schriftsteller, hat all diese Auszeichnungen verdient. Jetzt will die Stadt Halle ihm den "Preis für das unerschrockene Wort" verleihen. Nicht als Literat, sondern als Redner, der sich 1998 von "Meinungssoldaten" umzingelt sah, die Auschwitz instrumentalisieren und unabhängige Denker (wie Walser) mit Moralkeulen traktieren. Paul Spiegel hat gegen diese Auszeichung protestiert. Ist es klug, Walser diesen Preis zu geben?

Nein. Dafür muss man nicht Spiegels atemlose Rhetorik teilen, der etwas schnell das Wort "unglaublich" anwendet. Walser diesen Preis zu geben, suggeriert, dass er mit seiner Frankfurter Selbststilisierung Recht hatte. Hier der einsame, aufrechte Literat - dort die Übermacht der linksliberalen Gesinnungspolizei. Dieses Bild ist eitel, und Eitelkeit braucht man nicht zu fördern. Zudem: Wenn Unerschrockenheit ausgezeichnet werden soll - welchen Schrecken hatte Walser zu gewärtigen? Ist ihm übel mitgespielt worden? Nein. Rede und Debatte wurden sorgsam in Suhrkamp-Büchern dokumentiert. Es gibt größere Schrecken.

Der Titel des Preises legt eine prekäre Assoziation nahe: Man muss furchtlos sein, um in Deutschland etwas gegen Juden zu sagen. Dieses Stereotyp ist weit verbreitet und durch den offiziellen Philosemitismus ausreichend gefördert worden. Die Klage geht so: Wir dürfen nichts gegen Juden sagen. Dabei bleibt es meistens. Was man genau eigentlich nicht sagen darf, erfährt man nicht.

Der Preis soll übrigens, in Luthers Tradition, öffentliches Engagement fördern. Auch deshalb ist Walser der falsche Preisträger. Denn in seiner Paulskirchen-Rede stellt er schroff die Öffentlichkeit, wo Erinnerung nur falsche Pose ist, dem einzelnen Gewissen gegenüber. So beerbt Walser die unselige Tradition eines apolitischen Individualismus. Mit Luthers Begriff von Engagement hat diese Haltung nichts gemein.

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