Kultur : Bin ich nördlich, südlich?

Zum 200. Geburtstag des Preußen-Architekten Ludwig Persius

Michael Zajonz

Wenn man Architektur schmecken könnte, dann gliche das Werk dieses Mannes einem feinen alten Burgunder. Zunächst verhalten, erst nach und nach seine ganze Fülle schenkend, dann aber mit einer Beharrlichkeit, die selbstlos Körper und Seele umhüllt. Doch der am 15. Februar 1803 als Sohn eines Weinhändlers in Potsdam geborene Ludwig Persius füllte die Essenz seiner kreativen Begabung nicht auf Flaschen. Als begabtester Schüler Karl Friedrich Schinkels hinterließ er ein Erbe aus Stein, Kalk und Holz. Vorbild waren dabei Stadthäuser, Villen, ja Bauerngehöfte in eben dem Land, das seit Goethe alle empfindsamen Deutschen mit der Seele suchten: Italien.

Nach Schinkels Tod 1841 zum „Architekten des Königs“ ernannt, widmet sich Persius zusammen mit dem Gartengestalter Peter Joseph Lenné fast ausschließlich den Ideen Friedrich Wilhelms IV. Es entsteht jenes preußische Arkadien zwischen Berlin und Potsdam, das seit 1990 zum Welterbe der Unesco gehört. Heute und morgen ehren die Potsdamer Stadtväter zusammen mit der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten den vielleicht unbekanntesten unter den großen deutschen Architekten des 19. Jahrhunderts mit einem Festakt. Ab 20. Juli wird eine Ausstellung in Schloss Babelsberg, das er ab 1843 erweitert hat, mit seinem Werk vertraut machen.

Viel Zeit zum Reifen blieb diesem Baukünstler, den Schinkel schon früh zu seinem Nachfolger in Potsdam bestimmt hatte, allerdings nicht. Noch als Eleve der Bauakademie vom Übervater entdeckt, wurde Persius ab 1826 mit der Bauleitung des Kronprinzenschlösschens Charlottenhof südwestlich von Sanssouci betraut. 183 3 verwirklichte er unweit davon mit dem Umbau des Wohnhauses für den Hofgärtner Handmann ein erstes eigenes Projekt. Im Gegensatz zum geplanten blieb das tatsächlich realisierte Oeuvre relativ schmal. Gänzlich überarbeitet, starb er 1845 an Typhus. Da war er gerade von seiner ersten Italienreise zurückgekehrt.

Persius mag bis heute unterbewertet sein, weil er in der Konzentration auf Potsdam eine Aufgabe und mit Friedrich Wilhelm IV. seinen Bauherrn gefunden hat. Außerhalb des engen Kreises kannte man lediglich den Autor einiger kurzer Aufsätze und die Publikation seiner „Architektonischen Entwürfe“ von 1843. Schließlich baute er dann doch noch eine Orangerie für den Fürsten Pückler in Muskau und die Dorfkirche von Heringsdorf auf Usedom - nicht eben viel, wenn man bedenkt, dass sich der Architektenberuf damals rasant zu internationalisieren begann.

Eher ein stiller Neuerer, mit einer Aufgabe betraut, der schon vor der Revolution von 1848 etwas prekäres anhaftet. „Historische“ und „exotische“ Stile waren ihm geläufig. Zinnenbewehrte Getreidespeicher am Havelufer, die „altchristliche“ Friedenskirche oder das als Moschee maskierte Dampfmaschinenhaus von Sanssouci gehören zum originellsten, was er hinterließ. Ein Historist - und sei es von Schinkels Gnaden, der oft ein und dasselbe Bauwerk mal antik, mal gotisch gezeichnet hatte – war er dennoch nicht.

Das Vorausweisende an Persius wurzelt im Individuellen, in der stets an die landschaftliche oder urbane Situation angepassten Lösung. Persius, nicht Schinkel, wurde zum kongenialen Partner des Landschaftsgestalters Lenné. Eva Börsch-Supan, die wohl beste Kennerin der Berliner Architektur nach Schinkel, nennt es den „architektonischen Takt“. Im geschichts- und geniesüchtigen 19. Jahrhundert sollten bald lautere Töne gefragt sein.

Persius war, viel mehr noch als Schinkel, ein Teamarbeiter. Der Kronprinz und spätere König zwang ihn dazu. Friedrich Wilhelm – über den Schinkel gesagt hat, wäre er als Bürgerlicher geboren, müsste man in ihm einen der größten lebenden Architekten verehren – nahm das Bauen ernster als seine Regierungsgeschäfte. Überliefert sind Tausende von Skizzen, die er an den Rand von Menükarten oder Aktenblättern zeichnete.

In der langen Kronprinzenzeit politisch einflusslos, als „Romantiker auf dem Thron“ ohne Fortune, fand dieser Architekturbesessene einen Ausgleich in überbordenden Planungsideen. Von einer Autorschaft im herkömmlichen Sinn kann da oft keine Rede sein. Bei einem Projekt wie der neuen Orangerie von Sanssouci, zu dem auch Persius Pläne gezeichnet hatte, behielt der Monarch zwei Jahrzehnte lang die Initiative.

Wer Persius sagt, denkt zuerst an den „Italienischen Villenstil“. Die an oberitalienischen Bauernhäusern des ausgehenden Mittelalters orientierte Architekturmode hatte Schinkel nach Potsdam geholt. Sein Hofgärtnerhaus von Charlottenhof – direkt neben den Römischen Bädern – ist Prototyp all dessen, was Immobilienhändler heute gern als „Turmvilla“ vermarkten. Zu stadtbildprägender Signifikanz erhob sie Persius. Vom Dampfmaschinenhaus im Schlosspark Glienicke (1836-38) über das Etablissement des Fasanenmeisters nahe Charlottenhof (1842-44) bis zur Villa Schöningen an der Glienicker Brücke (1844/45) reichte die Bandbreite möglicher Nutzungen, die sich um einen (meist quadratischen) Ausguck arrangieren ließ.

In den Details dieser malerischen Bauensembles ist Persius ganz Klassizist: Schlanke Profile und filigran in den Verputz geritzte Quaderfugen verleihen ihren Fassaden dezente Plastizität. Ihre ineinander verschränkten kubischen Baukörper; die Loggien und Altane; das Spiel von Außen und Innen, Enge und Weite, Licht und Schatte – dies alles verhandelt Grundfragen von Architektur.

Die jungen Revolutionäre um den Architekten und Designer Peter Behrens – um 1910 arbeiteten Gropius, Mies und der spätere Le Corbusier in seinem Neubabelsberger Atelier – haben sich Charlottenhof und Glienicke sehr genau angesehen. Unmöglich, die Leistung von Persius dabei zu übergehen.

Wenn sich nur die Originale in einem befriedigenden Zustand befänden. Die Schlösser-Stiftung ist derzeit kaum in der Lage, ihre nicht museal genutzten Häuser – darunter mehrere von Persius – zu sanieren. Jenseits des Stiftungs-Areals kein besseres Bild: Die letzten erhaltenen Bögen der Nedlitzer Brücke fielen dem Ausbau einer Bundesstraße zum Opfer. Das Kornmagazin am Brauhausberg konnte nicht restauriert werden, solange es als Standort des Landtags im Gespräch war. Zugleich wünscht man in Potsdam die Rekonstruktion zweier fraglos bedeutender Persius-Villen. So ist den Rednern des heutigen Festakts besondere Aufmerksamkeit sicher. Es ist nicht nur beim Wein so: Wer seine Schätze lange genießen will, kommt um die Pflege nicht herum.

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