Kultur : Bin traurig, leide nicht

CHRISTIAN SCHRÖDER

Der Pop hat in den letzten zwanzig, dreißig Jahren seinen Songs die Rührung ausgetrieben. Am Anfang, in den Pubertätsjahren des Genres, feierten die Lieder im naiven Überschwang den Einbruch der Emotionen in das Leben: I want to hold your hand, das war schon alles, um das es ging. Später dann, als die Musik erwachsen wurde, handelten die Stücke mehr und mehr vom Scheitern statt vom Aufbruch: Love will tear us apart again, eine bittere Bilanz. Pop erzählt noch immer von Gefühlen, aber heute erwartet niemand mehr, daß sie echt sind. Hauptsache, sie reimen sich. Darum sind Popkonzerte gemeinhin eher unsentimentale Veranstaltungen. Rührung ist nicht vorgesehen. Bei dem Auftritt von Herbert Grönemeyer in der ausverkauften Berliner Waldbühne vergehen nach dem Eröffnungssong zwei, drei Minuten, bis der Sänger zum ersten Mal das Wort ergreifen kann. Ohrenbetäubender Jubel von 21 000 Besuchern schlägt ihm entgegen. Grönemeyer stammelt: "Danke". Der Applaus wird lauter. Grönemeyer: "Danke, vielen Dank." "Herbie"-Sprechchöre setzen ein. Grönemeyer: "Das ist die erste Tour in einer sehr komplizierten Zeit. Bin traurig, aber leide nicht: Deshalb bin ich heute abend hier, um das auszuprobieren." Viele Zuhörer sind noch klatschnass von einem Wolkenbruch, der sich vor dem Konzert über die Waldbühne ergoß. Jetzt hat es aufgehört zu regnen, und aus der überfüllten Arena dampft ein warmer Dunst der Zuneigung nach oben.Eigentlich handelt es sich bei Grönemeyers Tournee über die deutschen Freilichtbühnen nur um die Fortsetzung der Auftritte, mit denen er im letzten Frühjahr sein neues Album "Bleibt alles anders" in den Konzerthallen der Republik vorgestellt hatte. Aber zwischendurch ereignete sich etwas, was der Veranstalter ein wenig schwammig als "tragische private Ereignisse" umschreibt: Im November starben innerhalb von wenigen Tagen erst Grönemeyers Bruder, dann seine Frau. So ist aus der sommerlichen Konzertreise unversehens eine Comeback-Kampagne geworden. Grönemeyer demonstriert, daß er trotz allem der alte geblieben ist: Seelen-Sänger, Energiebündel und Gute-Laune-Akkumulator. Ein Stehaufmännchen in übergroßen Turnschuhen. Und seine Fans zeigen ihm, daß sie ihn so lieben, wie er ist. Vom Sich-ineinander-Verlieren, Aneinander-Festhalten und Die-Liebe-nicht-mehr-los-lassen ist viel die Rede in Grönemeyers Texten, die ihre Gefühligkeit zuweilen bis an den Rand des Kitsches treiben. Der Sänger offenbart sein Seelenleben, auch wenn seine Metaphern mitunter holprig klingen. Grönemeyers Sentiment und die Euphorie des Publikums: Daraus wächst an diesem Abend ein emotionales Kraftfeld.Vom Tod wird nicht gesprochen, aber die Verluste, die Grönemeyer erlitten hat, beherrschen unterschwellig die Dramaturgie des Konzerts. Schon der Eröffnungstitel "Nach mir", eine Mid-Tempo-Nummer mit pathetisch anschwellenden E-Gitarren, handelt vom Abschiednehmen: "Setzt mich aus auf einem dunklen Meer / Hast dich weggestohlen / Läßt mich ertrinken, ertrinken im Strudel / Läßt mich zurück." Als er später "Bleibt alles anders", den Titelsong der letzten CD, ankündigt, sagt Grönemeyer, der Text sei damals "anders gemeint" gewesen. Zwischen sphärischen Synthieteppichen und dem energisch vorwärtstreibenden Schlagzeug finden sich Zeilen, die wie die Kopf-hoch-Ermunterungen nach einer Beerdigung wirken: "Es gibt viel zu verlieren, du kannst nur gewinnen / Stillstand ist der Tod / Geh voran, Bleibt alles anders." Ihren Höhepunkt erreicht die kollektive Rührung, als sich Grönemeyer ans E-Piano setzt und die Ballade "Ich dreh mich um dich" anstimmt. Die Refrainzeilen werden immer wieder von langanhaltendem Jubel unterbrochen: "Auch wenn du haderst, du dich zerreisst / Wenn sich alles verdunkelt, bring ich dich durch die Nacht."Grönemeyer will weg vom Image des Deutschrockers, doch zum Bruch mit seiner musikalischen Vergangenheit fehlt ihm der Mut. Er wird von einer fünfköpfigen Band - zwei Gitarren, Baß, Keyboards, Schlagzeug - begleitet, die soliden und unauffälligen Rock produziert. Manchmal kommt ein elegant säuselndes Saxophon hinzu, dann fühlt man sich endgültig in den frühen achtziger Jahren, nicht nur, weil der Saxophonist einen schwarzen Anzug und eine schwarze Sonnenbrille trägt. Doch Grönemeyers Herz gehört neuerdings der Club-Musik, also hat er auch seine Show elektronisch aufgerüstet. Das Vorprogramm bestreitet der Kreuzberger Drum & Bass-DJ Midja, der das Bleepen seiner Breakbeats gegen das Prasseln des Regens setzt. Auch in Grönemeyers Stücken selbst mischen sich nervös zischelnde Elektro-Sounds und obskur vor sich hin wabernde Loops, doch immer, wenn es gerade spannend wird, finden die Songs den Weg zurück ins Rockistische. "Fanatisch" ist cooler Acid-Jazz-Rock, "Stand der Dinge" eine Drum & Bass-Nummer. Aber natürlich kriegen die Fans, was sie hören wollen: "Männer", "Bochum" und "Alkohol" in Mitklatsch-Versionen.Grönemeyer tigert über die Bühne, die Zuschauer hält es nicht mehr auf den Plätzen. "Sind Sie Kritiker?", fragt die Frau hinter uns, "dann schreiben Sie, wie blöd das ist, daß die Leute hier auf den Bänken stehen!" Aber, pardon, meine Dame, darum geht es doch gerade: Ekstase!

Zusatzkonzert am 29. August

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