Kultur : Bioethik: Einzigkeit und Recht und Freiheit

Volker Gerhardt

Der Zeitgeist dreht seine Pirouetten oft nur in zufälliger Nähe zu den Problemen der Zeit. Vor wenigen Jahren noch wurde der "Abschied vom Prinzipiellen" ausgerufen. Die Ethik sollte bald nur noch "ÄstEthik" heißen. Und wer das systematische Interesse einer auf die elementaren Prozesse des Lebens bezogenen Moralphilosophie verfolgte, erntete nur Mitleid. Dasselbe Feuilleton, das heute so tut, als drehe sich alles um Anfang und Ende des Lebens, hat noch im Jahr zuvor eine die Grenzen des Lebens ernstnehmende politische Theorie als philosophisches "Bungee-Springen" abgetan.

So ändern sich die Zeiten. Der Philosoph kann sich über die neue Grundsätzlichkeit des Diskurses nur freuen, auch wenn er es für bedenklich hält, dass der "Nationale Ethikrat" seit Wochen Schlagzeilen macht, während von dem im Februar ebenfalls vom Bundeskanzler einberufenen "Nachhaltigkeitsrat" so gut wie keine Rede ist. Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Was aber ist es, das bei diesem am 8. Juni sich konstituierenden Ethikrat so viele Vorbehalte weckt? Glaubt jemand im Ernst, die Bundesregierung, die das Recht und die politische Pflicht hat, Gesetze einzubringen, dürfe sich nicht beraten lassen? Möchte es jemand dem Kanzler zum Vorwurf machen, dass er nicht mehr, wie noch sein Vorgänger, mit "Küchenkabinetten" regiert? Und meint jemand wirklich, die Enquête-Kommission des Bundestages ließe sich durch den Nationalen Ethikrat einschüchtern?

Viele Anwürfe machen sich eine Unschärfe in der Unterscheidung zwischen "Moral" und "Ethik" zu Nutze. Im strikten Sinn ist die Moral nur auf das bezogen, was in der Verantwortung des Einzelnen steht. Hier gibt es in der Tat keine Zuständigkeit des Staates; ein "Nationaler Moralrat" wäre nur in totalitären Gesellschaften denkbar. Die Ethik aber bezeichnet primär eine philosophische Disziplin, die sich seit der Antike auch mit den Fragen von Politik und Recht zu befassen hat. Wenn es daher gilt, strittige Voraussetzungen der Gesetzgebung zu klären, hat ein Ethikrat eine genuin politische Funktion.

Das hat auch der Bundespräsident in einem Nebensatz seiner Rede vom 18. Mai zugestanden. Sein Einwand, demzufolge die individuelle Verantwortung nicht an die "Wissenschaft, nicht an Kommissionen, nicht an Räte" delegiert werden kann, bezog sich nur auf die Moral. Diese Feinheit haben die Kritiker des Ethikrates gern überhört.

Mit dem französischen Ethikrat, der bereits seit 18 Jahren arbeitet und 40 Mitglieder umfasst, hat unser Nachbarland gute Erfahrungen gemacht. Im Hintergrund aller Einwände gegen den 25-köpfigen deutschen Ethikrat steht nun die Befürchtung, dass er tatsächlich etwas bewirkt. Dabei haben die einen offenbar die Sorge, dass sich der mühselig ausgehandelte Verfassungskompromiss über den Anfang des menschlichen Lebens als nicht länger tragfähig erweist, während bei den anderen das (inzwischen auch antikapitalistisch aufgeladene) Unbehagen gegenüber einer Freigabe der biomedizinischen Forschungen am Menschen überwiegt. Beide Seiten glauben, das eine habe mit dem anderen etwas zu tun. Das aber ist ein gravierender Irrtum, über den der Ethikrat aufzuklären hat.

So gut wie alle Kommentatoren meinen, der Staat könne gentechnische Manipulationen am Menschen nur dann wirksam abwehren, wenn der grundrechtliche Schutz der befruchteten Eizelle bestehen bleibe. Doch das Gegenteil ist wahr: Nur wenn es gelingt, den im Abtreibungsurteil des Verfassungsgerichts unterstellten Schluss von einem biochemischen Vorgang auf die personale Existenz des Menschen als fatales Missverständnis zu erweisen, können wir zu einer klaren grundsätzlichen Garantie von Leben und Würde des Menschen gelangen.

Kant und das Grundgesetz

Der ehemalige Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenfoerde hat in diesen Tagen noch einmal bestätigt, dass sich die 1975 und 1993 getroffenen Entscheidungen des Hohen Gerichts auf keine weit in die Geschichte zurückreichende Tradition berufen können. Von der Antike bis in die frühe Neuzeit gibt es keine vorherrschende Meinung über den personalen Status der befruchteten Eizelle. Das gilt auch für die an Platon und Aristoteles anschließende christliche Theologie. Nach Böckenfoerde ist es erst in der Menschenrechtsdebatte der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, namentlich bei Kant, zur personalen Auszeichnung des Embryos gekommen. Und daran müsse man sich in der Tradition der Grundrechte halten.

Nur ist in diesem Punkt bei Kant vom Menschenrecht gar keine Rede. Er spricht auch nicht von der befruchteten Eizelle. Ihm geht es allein um die Frage, wie wir uns bei dem Naturvorgang der Entstehung eines menschlichen Individuums den Auftritt der Freiheit vorstellen können. Denn nach seiner Auffassung kann man unter Berufung auf natürliche Ursachen nicht erklären, wie die Freiheit ins menschliche Leben gelangt. Da sie dennoch mit jedem menschlichen Individuum ursprünglich auf den Plan tritt, gibt es nach Kant nur einen "praktischen Grund", der selbst wiederum nirgendwo anders als in der Freiheit liegen kann. Und diese Freiheit findet er im "Akt der Zeugung".

Der "Akt der Zeugung" ist für ihn aber nicht der Augenblick, in dem der Samen die Membran der Eizelle penetriert, erst recht nicht das, was man heute mit der Pipette unter einem Mikroskop in Gang setzen kann, sondern das, was zwei im Ehevertrag verbundene und somit aus Freiheit handelnde Menschen in der auf Zeugung angelegten Vereinigung von sich aus wollen. Wer sich also auf Kant berufen möchte, der muss dessen Theorie der Ehe einbeziehen - und darf in diesem Kontext nicht sein uns heute befremdendes Verständnis für die unverheiratete Mutter vergessen, die aus Furcht vor Schande zur Kindesmörderin wird.

Wenn es also um eine generelle Empfängnisverhütung, um das Verbot der Onanie oder der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft ginge, wäre Kant die erste Adresse. Denn anders als die nur auf Kontrolle bedachten Beichtbücher katholischer Provenienz bemüht er sich um vernünftige Gründe, die gleichermaßen auf die Natur wie auf die Freiheit des Menschen bezogen sind. Nachdem sich jedoch die Vorstellungen über die Partnerschaft so grundlegend gewandelt haben und die allein für ihr Kind zuständige Mutter zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, dürfen wir in diesem Punkt von Kant keine Hilfe erwarten, so genial seine praktische Herleitung der Freiheit aus dem "Akt der Zeugung" auch ist.

Der Keim und das Sein

Wenn die Verfassungsrechtler nun aber schon einmal auf Kant aufmerksam geworden sind, dann sollten sie beachten, dass er in eben dem Zusammenhang, in dem er den Ursprung der Freiheit des Individuums in der Freiheit seiner Eltern findet, die tatsächlich zur Aufklärung gehörenden Formeln von der "angebornen Freiheit" und der "angebornen Gleichheit" gebraucht. Und so neu die Rede von den angeborenen Rechten des Menschen auch sein mag: In ihr kommt die uralte und - trotz aller Technik - bis heute evidente Überzeugung zum Tragen, dass der Mensch geboren wird. Als Naturwesen, das sich von anderen Tieren durch seine selbstgeschaffene Kultur unterscheidet, kommt es in einem Vorgang zur Welt, in dem naturale und soziale Momente zusammenfallen.

Das hatte Kant bereits mit dem "Akt der Zeugung" im Sinn. Bei der Geburt des Menschen aber haben wir ein von der veränderten Sexualmoral unberührtes Naturgeschehen, das immer auch einen kulturellen Charakter hat. Wenn alles gut geht, ist das Neugeborene daran nicht nur mit dem ersten Schrei beteiligt; es wendet sich augenblicklich seinesgleichen zu. Von da an ist der Mensch als Mensch unter Menschen auf der Welt. Und von da an steht er unter dem uneingeschränkten Schutz des Menschenrechts - und dies unabhängig von den physischen und mentalen Zuständen, in denen er sich jeweils befindet.

Damit ist das werdende menschliche Leben aber nicht für rechtlos erklärt. Der Wille der Eltern setzt die ersten Bedingungen, denen juridisch natürlich mit Blick auf die befruchtete Eizelle Rechnung zu tragen ist. Dann folgt mit der Nidation die Integration des Keims unter den rechtlichen Schutz der Mutter, die mit dem, was in ihr wächst, jedoch nicht willkürlich verfahren darf. Denn hier gibt es legitime Ansprüche der menschlichen Gemeinschaft auf Sicherung ihres Bestands. Und von dem Augenblick an, in dem der Fötus außerhalb des Mutterleibes eine eigene Lebenschance hat, kann man sein Recht auf eine eigene Entwicklung auch in Konfliktfällen zur Geltung bringen.

Forschen, Töten, Heilen

Die These von der Natalität des Menschen kann hier nur ein Beispiel sein für die bevorstehende Grundsatzdebatte im Ethikrat. Zudem kann sie uns auch in den schwierigen Fragen des therapeutischen Klonens weiterhelfen. Vor der Nidation ist eine Forschung mit embryonalen Zellen dann unbedenklich, wenn sie mit Einwilligung der Eltern in der Absicht geschieht, die Gesundheit des Kindes zu prüfen oder zu fördern. Mit diesem Ziel kann unter Umständen auch ein reproduktives Klonen ethisch vertretbar sein. Allerdings muss hier ein definiertes Heilungsziel im familiären Zusammenhang gegeben sein, und es darf kein eigenständiges menschliches Individuum geschaffen werden, das nur als Organspender zu Verfügung steht. Das widerspräche der Selbstbestimmung des Menschen. Auch die unter Selektionsverdacht stehende Präimplantationsdiagnostik (PID) könnte dann ethisch unbedenklich sein, wenn sie einzig auf nachweisliche Erbkrankheiten hin angewendet wird.

Über diese und andere Fragen wird der Nationale Ethikrat gründlich nachzudenken haben. Wenn er sich dabei nicht unter Zeitdruck setzen lässt, hat er die einzigartige Chance zu einem interdisziplinären Diskurs, den wir angesichts der neuen biowissenschaftlichen Einsichten gerade zwischen den Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften dringend benötigen. Die anwesenden Vertreter der gesellschaftlichen Praxis können dafür sorgen, dass dabei der Bezug zu den politischen Problemen nicht verloren geht. Im Ethikrat geht es daher nicht nur um die Reputation einzelner Personen, sondern auch um das gesellschaftliche Ansehen der Wissenschaft. Ohne Vertrauen in die Wissenschaft hat eine moderne Zivilisation keine Zukunft.

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