Biografie : Das Innere der Außenwelt

Jean-Yves Tadiés große Marcel-Proust-Biografie ist in der deutschen Übersetzung erschienen. Umfassend diskutiert der französische Literaturwissenschaftler das Leben und Werk des Schriftstellers und entfacht dabei die Lust am Lesen.

Gerrit Bartels
Proust
Erinnern, Vergessen, Gewohnheit: Der Schriftsteller Marcel Proust (1871-1922), um 1896.Foto: Ullstein

Als am 12. Juni 1896 in Paris Marcel Prousts erstes Buch „Tage und Freuden“ erscheint, ist die Resonanz darauf bescheiden. Es gibt nur wenige Rezensionen, praktisch keine Verkäufe und kaum Reaktionen von Freunden und Kollegen, denen Proust das Buch zukommen lässt. Für das Debüt eines 25-Jährigen mag das nichts Außergewöhnliches sein. Doch auch in den kommenden Jahren ändert sich daran nichts. Noch 1918 erhält Proust einen Brief von seinem Verleger Calmann-Lévy, der ihm mitteilt, von der 1500er-Auflage von „Tage und Freuden“ seien in der langen Zeit gerade einmal 329 Exemplare ausgeliefert worden. Auch diese Zahl zeigt das Unverständnis der Öffentlichkeit, der literarischen zumal, das Proust selbst noch entgegengebracht wird, als die ersten zwei Bände seines Romanzyklus „A la recherche du temps perdu“ (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) schon erschienen sind.

Dabei finden sich in „Tage und Freuden“ schon viele Motive, Situationen und Themen, die später die „Recherche“ bestimmen sollen: die einseitige, die schuldhafte, die homosexuelle Liebe sowie jene Liebe, von der der Protagonist weiß, dass sie bald ihr Ende finden und dem Vergessen anheimfallen wird; die Problematik des Einschlafens, das Lauern auf den Gutenachtkuss der Mutter, die Vielgestaltigkeit des Aufwachens, die Angst im Hotelzimmer, die hochgestimmten Lieder auf das Meer oder bestimmte Bäume. Verblüfft schreibt André Gide, als er das Buch nach vielen Jahren endlich für sich entdeckt: „Wenn ich Les Plaisiers et les jours heute wieder lese, kommen mir die Vorzüge dieses delikaten Buchs so augenfällig vor, daß ich mich darüber wundere, warum man von ihm nicht schon früher begeistert war. Doch heute ist unser Blick geschärft, und alles, was wir seither in den neuen Büchern von Marcel Proust bewundern konnten, erkennen wir hier, wo wir es zuvor nicht zu entdecken wußten, wieder.“

Mit „Tage und Freuden“ verhält es sich wie mit vielen weiteren Schriften von Proust, die vor der „Recherche“ entstanden sind, etwa mit dem liegen gelassenen Roman „Jean Santeuil“ oder dem auch erst lange nach seinem Tod veröffentlichten Roman-Essay „Gegen Saint-Beuve“. Sie alle sind Vorstudien, sie alle wirken mitunter wie Blaupausen der siebenbändigen „Recherche“, mit der Marcel Proust zum Inbegriff der französischen Literatur, wenn nicht der modernen Literatur des 20. Jahrhunderts wurde. Und sie alle verweisen auch mehr oder weniger direkt auf das Leben des Autors selbst: „Proust hat alles aus seinem Leben und Denken wiederverwendet“, schreibt sein französischer Biograf Jean-Yves Tadié in der Vorbemerkung zu seiner monumentalen, 1996 in Frankreich veröffentlichten und jetzt endlich ins Deutsche zu Ende übertragenen Proust-Biografie. In dieser demonstriert Tadié von Beginn an, wie Prousts Kindheit, Jugend, geistiges und gesellschaftliches Leben sein Romanwerk durchdrungen haben, und er verspricht: „In diesem umfangreichen Buch wird man kein einziges Faktum ohne Bedeutung lesen und kaum Fakten, die nicht in Prousts Werk einfließen.“

Das will etwas heißen bei einer Biografie, die sich auf fast tausend Seiten erstreckt, deren Anmerkungsteil noch einmal 250 Seiten stark ist und deren Übersetzung ins Deutsche zu allem schönen Überfluss etwas typisch Proustisch Verschlungenes hat. Denn über der jahrelangen Arbeit an der Biografie verstarb der deutsche Übersetzer Max Looser 2007. Und weil Looser sich gerade auch den Ergänzungen und Anmerkungen leidenschaftlich gewidmet hatte, war es zuletzt die Aufgabe des Suhrkamp-Lektorats, den riesig gewordenen Anmerkungsteil auf ein für das deutsche Lesepublikum vertretbares Maß zu bringen.

Wie vertretbar, wie gerade noch goutier- und nachvollziehbar, das müssen jene Leser, die weder Philologen noch Proustianer sind, vermutlich allein entscheiden – Jean-Yves Tadiés Buch lässt sich gut auch ohne Anmerkungsteil lesen, trägt aber natürlich selbst obsessive Züge. Was nicht erstaunt bei einem inzwischen 72-jährigen Literaturwissenschaftler, der sich seit Ende der fünfziger Jahre mit Proust beschäftigt, die wegweisende kritische Pléiade-Ausgabe der „Recherche“ verantwortet und viele andere Proust-Studien vorgelegt hat.

Tadiés Anspruch ist es, als Biograf vor allem zu interpretieren, „das Hypothetische zur Geltung“ zu bringen. Trotzdem, und das ist das Schöne an seiner Biografie, liest diese sich stellenweise wie ein Roman, spielt Tadié die Erzählung von Prousts Leben nicht „zu trocken“, wie die Großmutter des Proustschen Helden es sagt. Ob die Kindheit des 1871 in Auteuil geborenen Proust, über die nicht viel bekannt ist, die aber eine glückliche gewesen sein muss, ob seine Schulzeit am Lycée Condorcet, seine Jahre an der École libre des sciences politiques, die Beziehung zu Eltern, Großeltern und Bruder Robert, die ersten Veröffentlichungen – all das weiß Tadié geschliffen aufzubereiten. Und alle weiteren Lebensstationen, Erlebnisse, Freundschaften und Lektüren Prousts werden von ihm immer wieder mit Verweisen auf das Werk versehen, werden interpretiert und kommentiert. So wie etwa gleich zu Beginn die für Proust so wichtigen Orte, das kleinstädtische Auteuil und das ländliche Illiers: „In dem einen hat das Kind seine in ,Combray’ unvergeßlich dargestellten Ferien verbracht; in dem anderen, lange verkannten, wurde es geboren und hat dort zweifellos die Szene des Zubettgehens erlebt.“

Auffallend ist, wie sich Tadié in Bezug auf Prousts Homosexualität in Dezenz übt und es für möglich hält, dass dieser alles andere als sexuell sehr aktiv war. Lässt er es an Seitenhieben auf seinen britischen Vorgänger, den Proust-Biografen George D. Painter, sowieso nicht fehlen, bietet ihm gerade Prousts (vermutlich nicht existentes) Sexleben Anlass zur Abrechnung. Schlachtete Painter Prousts Werk aus, „um das Leben zu erklären oder zu verstehen“, liefert Tadié die Biografie eines Schriftstellers, „der seine Größe aus dem gewinnt, was er schreibt, denn diesem hat er alles geopfert“.

Sehr gut gelingt Tadié das zumindest bis zu jenem Zeitpunkt, da diese Größe für Proust selbst spürbar Gestalt annimmt. An dem er seine Vorstudien abgeschlossen hat – die Ruskinstudien, seinen Romanessay – und er an nichts anderem mehr schreibt als der „Recherche“. Sehr wohl weiß Proust, wie diese eines Tages ausgehen wird, das Wörtchen „Fin“ steht lange vor seinem Tod am Ende des Bandes „Le temps retrouvé“. Ab 1909/1910 ist er fast ausschließlich damit beschäftigt, die einzelnen Teile der „Recherche“ als ein System miteinander kommunizierender Röhren auszuarbeiten, zu überarbeiten, zu erweitern, zu straffen.

Die Freundschaft/Beziehung zu seinem Chauffeur Alfred Agostinelli ist Prousts letztes wirklich großes Lebensereignis, das auch auf sein Romanwerk entscheidende Auswirkungen haben wird. Von hier an aber macht es den Eindruck, als habe Tadié auf einmal so einige erzählerische wie interpretatorische Probleme – zumindest beginnt seine Biografie plötzlich etwas arg Faktenhuberisches zu bekommen. Er beschränkt sich dann doch auf ein sehr akribisches Abarbeiten von neuen Bekanntschaften, von Krankheitszuständen („Das Jahr 1919 beginnt Proust wie so viele andere Jahre mit einer Laryngitis und 39 Grad Fieber“), von Prousts zwar mondänem, aber nicht spektakulärem Alltagsleben. Und immer wieder geht es dann en détail um das Verschieben von Textmassen in den einzelnen cahiers der „Recherche“, um neue Zusätze, Änderungen in der Abfolge etc.

Der Künstler opfert sich seinem Werk, sein Leben besteht aus nichts anderem mehr, und die „innere Entwicklung“, auf die es Tadié primär ankommt, ist lange abgeschlossen. Tadiés Leistung besteht auch darin, dass er bei aller Materialfülle, aller Werkbezüglichkeit nicht die Lust nimmt, die „Recherche“ zu lesen. Er entfacht sie eher. Und Marcel Prousts natürlich viel größere Leistung ist es, dass keine noch so detailfreudige Biografie es vermag, die Lektüre seines großen Romanzyklus zu ersetzen. Also denn!

Jean-Yves Tadié: Marcel Proust. Biographie. Aus dem Französischen von Max Looser. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2008. 1266 S., 58 Abb., 68 €.

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