Biografie : Kreiskys Welt

Er war Sozialist, Jude und Kanzler: Wofgang Petritsch nähert sich in seinem Buch dem wohl bekanntesten Nachkriegs-Österreicher Bruno Kreisky.

Nicolas Stockhammer

Mit ihm haben ein Hauch von politischem Glamour und Internationalität im provinziell-vermufften Nachkriegsösterreich Einzug gehalten. Am Zenith seiner Macht stand er auf Augenhöhe mit den weltpolitischen Größen der Zeit. Ihn verband eine enge, „nicht konjunkturbedingte“ Freundschaft mit Willy Brandt und ein exzellentes Verhältnis zu Olof Palme, die als linkes Dreigestirn so etwas wie die sozialdemokratische Achse Europas repräsentierten. Er hat wie kein anderer die Politik Österreichs über Jahrzehnte geprägt.

Bruno Kreiskys rasanter politischer Aufstieg zum Bundeskanzler war in der von antisemitischen Ressentiments und Machtkontinuitäten geprägten Alpenrepublik gewiss keine Selbstverständlichkeit. Wie war es möglich, dass sich ein Mann mit gleich drei gravierenden biografischen „Hypotheken“ – Exil-Vergangenheit in Schweden, Sozialist inmitten einer stockkonservativen Außenpolitikbastion und eine jüdische Herkunft, die er selbst als „Mühlstein um den Hals“ empfand – gegen gesellschaftliche Widerstände durchsetzen und eine derartige Bilderbuchkarriere hinlegen konnte? Wolfgang Petritschs Biografie liefert Antworten, wenngleich er den Mythos Kreisky auch nicht gänzlich entzaubert.

Der rote Bruno war Idol und Reizfigur, Sozialist und Großbürger, Jude, Agnostiker und bekennender Palästinenser-Sympathisant, politischer Emigrant, Weltbürger und für viele der Paradeösterreicher schlechthin. Ein Mann der Gegensätze, die sich nur in einer Gesamtschau seiner schillernden, vielschichtigen Persönlichkeit deuten lassen. Pünktlich zu Kreiskys 100. Geburtstag hat sein ehemaliger Mitarbeiter und heutige OSZE-Spitzendiplomat Petritsch eine maßgebliche Lebensdarstellung verfasst, die ungewöhnlich frei von persönlichen Eitelkeiten des Autors erscheint. Andererseits kann Petritsch mancherorts seine tiefe Bewunderung für seinen Untersuchungsgegenstand auch nicht verhehlen. Wolfgang Petritsch zeichnet Kreiskys wohlbehütete Jugend nach, seine ersten Berührungen mit der Sozialdemokratie, seinen unerbittlichen Kampf gegen den Ständestaat, Gestapoverhöre und die recht abenteuerliche Flucht nach Schweden. Darauf folgte die Rückkehr in die zerstörte Nachkriegsheimat, wo Kreisky feststellen musste, dass eine Entnazifizierung nur begrenzt stattgefunden hatte und die alten NS-Eliten großteils wieder fest im Sattel saßen.

Auch der Sozialdemokrat Kreisky war später gezwungen, sich zu „arrangieren“. Er hat sich in der schändlichen Affäre rund um seinen FPÖ-Steigbügelhalter Friedrich Peter, einen altrechten Recken mit verbrecherischer Waffen-SS-Vergangenheit, auf eine persönliche Fehde mit dem Nazi-Jäger Simon Wiesenthal eingelassen. Dabei diffamierte Kreisky Wiesenthal mehrfach, unterstellte diesem sogar Mafiamethoden und enthüllte einen paradoxen selbstzerfleischenden Antisemitismus des Juden Kreisky. Petritsch versucht zwar entlastende Argumente wie die Nähe Wiesenthals zum bürgerlichen Lager ins Feld zu führen, doch der redliche Exkulpationsversuch vermag höchstens indirekte Hintergründe aufzuklären. Mehr als ein dunkler Schatten hängt seit dieser bedauerlichen Episode über dem charismatischen Vollblutpolitiker.

Der für seine Spontaneität bekannte Kreisky war ein raffinierter Medienlenker, der es klug verstand, sich zu inszenieren. Prägnant waren Kreiskys Rhetorik, sein betont langsames Sprechen und der mitunter oberlehrerhafte Gestus gegenüber Journalisten. Seine Aufforderung an einen Reporter, er möge doch „Geschichte lernen“ ist legendär. Der Menschenfänger Kreisky verkehrte gerne mit Künstlern und Intellektuellen, die er als seinesgleichen erachtete, scheute jedoch nie den Kontakt zum vermeintlich „kleinen Mann“. Der Volkstribun war für seine Bürgernähe bekannt und hatte keine Berührungsängste. Seine Privatnummer stand sogar, heute undenkbar, im öffentlichen Telefonbuch und er forderte die Bürger dezidiert auf, ihn jederzeit anzurufen.

Das politische Talent Kreisky vermochte den gesellschaftlichen Zeitgeist zu verinnerlichen. Seine Initiativen in der Gleichbehandlungspolitik und Frauenförderung gelten als Pionierleistung der 1970er Jahre. Auch ist sein wohlfahrtsstaatliches Engagement wegweisend für eine Epoche kontinuierlich steigenden Wohlstands. Dass er sich entgegen der Warnung einiger politischer Mitstreiter, fast beratungsresistent, mit seiner beharrlichen Pro-Atompolitik verkalkuliert hat und die Volksabstimmung um das AKW Zwentendorf zu so etwas wie einem persönlichen Waterloo für Kreisky geworden ist, hat auch zu einer Kehrtwende bei ihm geführt, inklusive später Reue. Ob dies Einsehen oder den Umständen geschuldet war, sei dahingestellt.

Der Kanzler war ein Führer mit einem unbedingten Verhältnis zur politischen Macht. Nichts lag ihm ferner als bloßes Verwalten, Kreisky wollte gestalten. Mit der Zeit wurde er zur unbestrittenen Galionsfigur der internationalen Sozialdemokratie, zumal er über ein breites Netzwerk verfügte, das ihm, dem Kanzler eines politisch unverdächtigen, neutralen Randakteurs, Zugang zu wesentlichen globalen Entscheidungsträgern verschaffte. Sein primärer Fokus galt daher der Weltpolitik. Kreisky verstand sich als Mittler und Kuppler, als Katalysator und Ermöglicher im Dienste des Friedens. Als sein politisches Vermächtnis können die konsequente Neutralitätspolitik Österreichs während des Kalten Krieges und seine austrokeynesianische Vision der Vollbeschäftigung trotz einhergehender Staatsverschuldung angesehen werden.

Wolfgang Petritsch illustriert sämtliche Facetten der komplexen Persönlichkeit. Er tut dies behutsam und umsichtig. Sein Urteil ist ausgewogen, wenngleich eher kreiskyfreundlich. Am Ende verweilt ein abgeklärter Sonnenkönig im mallorquinischen Exil, den schließlich die Schatten seines erfolgreichen politischen Lebens eingeholt haben. „Seine Welt war größer als sein Land“, hat ihm sein Seelenverwandter Willy Brandt am Grabe nachgerufen. Wie recht er hatte.


Wolfgang Petritsch: Bruno Kreisky. Die Biografie. Residenz Verlag, St. Pölten 2010. 424 Seiten, 26,90 Euro.

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