Biografie Mao Zedongs : Eine vielschichtige Persönlichkeit

China-Kennerin Charlotte Kerner nähert sich aus kritischer Distanz Mao Zedong.

Ulrich Karger
Foto: Beltz & Gelberg

Ende der 60er Jahre war Mao Zedong (frühere Lautierung: Mao Tse-tung) auch im Westen für viele Intellektuelle in der Studentenbewegung ein kommunistisch-revolutionäres Vorbild, dem es gelungen war, verkrustete Strukturen einer Mehrheitsgesellschaft aufzubrechen.

„Heute reden alle von der neuen Weltmacht China, aber im Westen – besonders in der jungen Generation – wissen nur noch wenige, wer Mao Zedong war. Dabei beherrscht sein Bild auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts weiterhin die ‚Mitte der Mitte‘, den zentralen Platz des Himmlischen Friedens in der chinesischen Hauptstadt.“ Grund genug für die mehrfach unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Charlotte Kerner, mit „Rote Sonne, roter Tiger – Rebell und Tyrann“ eine sehr anschauliche und informative Lebensgeschichte des Mao Zedong vorzulegen, die in ihrer differenzierten und gut belegten Ausführlichkeit keineswegs nur jugendliche Leser anzusprechen vermag.

Geboren 1893 während des Japanisch-Chinesischen Krieges in der zentralchinesischen Provinz Hunan als ältester Sohn einer relativ wohlhabenden Bauernfamilie, zeichnete sich Mao von Kindheit an durch einen immensen Bildungshunger aus. Und Bildung wurde für Mao zu einem entscheidenden Schlüssel, mit dem er bereits in seinen Anfängen politische Wirkung zu zeigen und andere von sich zu überzeugen wusste.

So wurde schließlich unter seiner Regierung 1955 auch eine Vereinfachung der chinesischen Schriftzeichen durchgesetzt, der 1958 eine „echte Sprachrevolution“ folgte, die im Zuge der erfolgreichen Alphabetisierung in einem Land mit sieben Hauptdialekten und unzähligen Varianten des Chinesischen „eine Art Nationalsprache“ herausbildete, auf deren Grundlage zudem mit dem „Pinyin“ eine mit lateinischen Buchstaben geschriebene Umschrift verbindlich eingeführt wurde. Dies alles unter dem von Mao bereits 1936 geäußerten Vorsatz, in China „eine neue Kultur schaffen (zu) wollen, an der die Massen voll und ganz teilhaben“. Und wenn Anfang des 20. Jahrhunderts noch 90 Prozent, im heutigen China hingegen nur noch sechs Prozent der Bevölkerung Analphabeten sind, hat Mao Zedong hierfür die Anfänge gesetzt und die sie befördernden Entscheidungen getroffen.

Solch unstrittigen Verdiensten im Lebenswerk Maos stehen jedoch u. a. die von ihm zu verantwortenden Phasen des „Großen Sprungs“ (1958–1961) und der „Kulturrevolution“ (1966–1976) gegenüber.

So verhungerten während des „Großen Sprungs“ Millionen Menschen, weil Mao über drei Jahre hinweg an fatalen Richtungsentscheidungen festgehalten hatte. Nach späteren Schätzungen „zwischen zehn und 60 Millionen, 30 Millionen gelten als die realistischste Zahl.“ Und dem anschließendem „Rückzug in die zweite Reihe“ ließ Mao 1966 seinen Aufruf zur „Kulturrevolution“ folgen, mit dem er die Jugend Chinas zur Rebellion gegen die „Machthaber in der Partei, die den kapitalistischen Weg gehen“ aufstachelte. „Aus Willkür wurde Terror“, und es kam nun zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen mit Chaos und Gewaltexzessen im Gefolge, die erneut zahlreiche Tote forderten.

Die horrenden Opferzahlen wurden jedoch erst Jahre nach Maos Tod bekannt, als sein Nachfolger Deng Xiaoping einräumte, dass „70 Prozent von Maos Handeln für China gut und 30 Prozent nachteilig“ gewesen sei. Doch ist Mao deshalb als „Massenmörder“ in eine Reihe mit Hitler zu stellen?

Die Autorin fasst das in ihrem Epilog unter anderem so zusammen: „Ein Europäer hätte 400 Jahre leben müssen, vom späten Mittelalter bis in die Jetztzeit, um am eigenen Leib die Veränderungen zu erfahren, die im 20. Jahrhundert dieses riesige Land und das Denken seiner Menschen regelrecht umgepflügt haben.“ Und Mao hat hierbei eine vielschichtige Rolle gespielt, die ihn neben seinen Fehlentscheidungen auch als inspirierenden Aufklärer mit China voranbringenden und als Nation einigenden Impulsen auszeichnete. Deshalb ist bis in die Gegenwart „Mao Zedong eine Konstante geblieben – eine zeitlose Ikone, an die man sich halten und auf die man sich beziehen kann, zustimmend oder protestierend.“

Der Index zu Anfang des Buches verweist zwischen Prolog und Epilog lediglich auf die drei Hauptkapitel „Der Chinese 1893–1921“, „Der Revolutionär 1921–1949“ und „Der Herrscher 1949–1976“, in die wiederum zwei Kapitel mit „Zwischengedanken“ der Autorin unter anderem mit Bezug auf ihren eigenen Aufenthalt in China von 1977 bis 1978 eingefügt sind.

Für ein gezieltes Nachlesen wäre noch die Ergänzung des Index um die Überschriften der Unterkapitel hilfreich gewesen. Der Anhang bietet dafür neben einer Zeittafel zu Maos Lebensdaten, den Quellen- und Zitatnachweisen auch noch eine ausführliche und für das Verständnis Chinas und Maos Biografie nicht zu unterschätzende Einführung „Über die chinesische Sprache“.

Insgesamt ein mehr als empfehlenswertes Buch, das einem die nicht allzu ferne Vergangenheit des in Zeiten der Globalisierung und des Internets immer näher kommenden Chinas anhand der Lebensgeschichte Maos um Einiges begreiflicher macht.
– Charlotte Kerner: Rote Sonne, roter Tiger. Rebell und Tyrann. Die Lebensgeschichte des Mao Zedong. Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim, Basel 2015. 313 Seiten. 19,95 Euro. Ab 16 Jahren.

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