Biografie : Otto Dietrich - Hitlers Schaumschläger

Machtlüstern und devot ergeben: Stefan Krings’ Biografie über den bisher wenig beleuchteten Reichspressechef Otto Dietrich.

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Foto: ullstein bild - Frentz

Er war einer der mächtigsten Männer des Naziregimes. Otto Dietrich, Reichspressechef unter Hitler, war SS-Obergruppenführer im gleichen Rang wie Martin Bormann, Reinhard Heydrich und Rudolf Heß. Er brachte es zum Reichstagsabgeordneten und Staatssekretär. Dietrich war einer der wichtigsten Strippenzieher im nationalsozialistischen Machtgefüge, denn er galt als einer der engsten Vertrauten Adolf Hitlers. Auf zeitgenössischen Fotos und Filmaufnahmen aber steht er oft in zweiter Reihe.

Zeitzeugen bezeichneten Dietrich als „farblos und verschwommen“ und „teilweise sogar überfordert“, wie der Kommunikationswissenschaftler Stefan Krings in seiner Biografie zusammenfasst. Anderen hingegen galt Dietrich als eine der Schlüsselfiguren in der nationalsozialistischen Medienlenkung. Krings bezeichnet Dietrich als einen „Hauptdarsteller“, phasenweise sogar als den wichtigsten Protagonisten „auf der Bühne der nationalsozialistischen Presselenkung“. In der Forschung ist die Biografie Dietrichs bisher seltsamerweise wenig beleuchtet worden. Stefan Krings hat dies nun in einer Dissertation nachgeholt. Dabei untersucht er nicht nur Dietrichs Persönlichkeit und Charakter. Er hat auch die Publizistik Dietrichs unter die Lupe genommen, analysiert seine pressepolitischen Aufgaben, zeichnet das Umfeld, in dem sich Dietrich bewegte.

„Wir verlebten unsere Kindheit im kaiserlichen Deutschland“, erklärte Dietrich im April 1933 im Preußischen Landtag, „die schönsten Jahre unserer Jugend opferten wir in den Schützengräben des Weltkrieges gern und voll Hingabe dem Vaterlande. Wir wurden Zeugen der tiefsten Schmach unseres Volkes. Wir ertrugen die Novemberrevolte mit innerstem Abscheu und fanden uns im Hass gegen die Verderber der Nation wieder zusammen in der herrlichen Bewegung Adolf Hitlers, die die nationale und soziale Befreiung auf ihre Fahne schrieb, um das ungeschriebene in unseren Herzen lebende Vermächtnis unserer gefallenen Kameraden zu erfüllen …“

So argumentierte Dietrich stellvertretend für viele in seiner Generation. Seit April 1929 erst Mitglied der NSDAP, kümmerte sich Dietrich ab 1931 um die Pressearbeit der Partei, wurde zum persönlichen Pressechef Hitlers und vierzehn Jahre lang zu seinem ständigen Reisebegleiter. Die legendären „Deutschlandflüge“ Hitlers, die ihn im Wahlkampfjahr 1932 allgegenwärtig erscheinen ließen, wurden von Otto Dietrich organisiert.

In der Öffentlichkeit stand Dietrich im Schatten des zynisch-charismatischen Goebbels. Doch spätestens seit 1938 wurden Goebbels und Dietrich direkte Kontrahenten: Denn Dietrich wurde Staatssekretär im Propagandaministerium und hatte damit die gesamte deutsche Presselandschaft zu kontrollieren und auszurichten, er beaufsichtigte zudem die in Berlin akkreditierten Auslandskorrespondenten. Er war damit der Pressechef der Reichsregierung in Goebbels’ Ministerium. Brisant war zudem, dass Goebbels als Minister ihm zwar übergeordnet war – auf Parteiebene aber stand er mit Dietrich im Rang eines Reichsleiters auf einer Stufe. Die Rangeleien hielten bis kurz vor Kriegsende an, ehe es Goebbels dann gelang, die Entlassung Dietrichs zu bewirken.

Ob Dietrich „unmittelbar an Verbrechen des Holocaust beteiligt war“, bezweifelt der Wissenschaftler Krings. Dietrichs eigene Reden und Veröffentlichungen seien weniger von Hasstiraden geprägt als die Publikationen, die seine Reichspressestelle herausgab. Krings stellt eine „nachdenkliche, empfindsame und insgeheim auf Harmonie bedachte Seite seiner Persönlichkeit“ fest; zugleich aber einen „steten Drang nach Macht und Einfluss und eine grenzenlos devote Ergebenheit dem ,Führer‘ gegenüber“.

Dietrichs Verurteilung nach Kriegsende fiel milde aus. Er wurde nicht zu den Hauptkriegsverbrechern gezählt und erst 1947 im sogenannten Wilhelmstraßenprozess angeklagt. Bis 1950 war er inhaftiert, dann wurde er begnadigt und vorzeitig entlassen; zwei Jahre später starb er 55-jährig in Düsseldorf.

Stefan Krings hat eine solide und differenzierte Fleißarbeit vorgelegt, Fußnoten- und Anmerkungsapparat beweisen den Aufwand, der hier betrieben wurde. Krings hat nicht nur weltweit in über 50 Archiven geforscht, er hat auch erstmals den persönlichen Nachlass Dietrichs ausgewertet und die Familienkorrespondenz gesichtet. So ist eine sehr erhellende und auch gut zu lesende und klar gegliederte Studie für die interessierte Fachwelt entstanden. In dieser Ausführlichkeit wird das Buch sicher für eine geraume Zeit als Standardwerk zu bezeichnen sein.

– Stefan Krings:

Hitlers Pressechef. Otto Dietrich – Eine Biografie. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 544 Seiten, 58 Euro.

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