Kultur : Biografie über Ida Dehmel: Lass mich deine Muse sein

Brigitte Böttcher

Gott, so formulierte es der Religionskritiker Ludwig Feuerbach 1841, ist eine vom Menschen erschaffene Projektion. Eine Projektion des eigenen Strebens nach Vollkommenheit und Unsterblichkeit. Gottesfurcht erwächst damit aus der Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeiten.

Ida Dehmel, rund dreißig Jahre nach dieser Theorie als Ida Coblenz geboren, war nie sonderlich religiös, was freilich nicht Feuerbach zuzuschreiben ist. Dennoch verkörpert diese Ida Dehmel dessen Projektionsidee auf fast erschütternd konsequente Weise - nur, dass ihre Religion die Kunst, ihre Unzulänglichkeit eine mangelnde Kreativität und ihr Gott ein großer Dichter war. Indem sie sich hingebungsvoll in den Dienst ihres zweiten Ehemannes stellte, des damals bedeutenden Lyrikers Richard Dehmels, hoffte sie, selbst ein Stück künstlerischer Unsterblichkeit erlangen zu können.

Den Lebensweg dieser bemerkenswerten Frau - von der versponnenen Bürgertochter aus jüdischem Weinhandelshaus bis zur provozierend-polarisierenden Dichtermuse - zeichnet Mathias Wegner, ehemaliger Verleger bei Rowohlt und Bertelsmann sowie Autor mehrerer Bücher, nun erstmals in einer umfangreichen Biografie nach. Für sein Buch "Aber die Liebe. Der Lebenstraum der Ida Dehmel" (Claasen Verlag, München 2001, 413 Seiten, 44,90 Mark) tat Wegner bisher unbekannte Quellen auf und konnte auf den Briefwechsel zwischen Lyriker und Muse zurückgreifen. Ausgehend von diesen Briefen, bringt Wegner das Werk des Dichters immer wieder in einen Zusammenhang zu der komplizierten und stets von anderen Frauen gefährdeten Beziehung zu Ida. Mitunter etwas zu ausladend entfaltet er so das Bild einer Frau, die ihrer künstlerischen Intuition in eine bedingungslose Liebe folgte - und sich dabei immerhin als eine der Ersten aus den beengenden Fesseln wilhelminischer Moral befreite.

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