Biografie und Autobiografie : Das Stehaufweibchen

Hundert Mal ist sie zu Grabe getragen worden, doch sie ist lebendiger denn je: die literarische Biografie. Bei der Hamburger Begegnung fragten jetzt Schriftsteller und Kritiker nach den Gründen.

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Korrespondent der "Frankfurter Zeitung" in Berlin. Siegfried Kracauers Presseausweis 1933.
Korrespondent der "Frankfurter Zeitung" in Berlin. Siegfried Kracauers Presseausweis 1933.Foto: picture alliance / dpa

Wie man vom einen Ende des Lebens ans andere gelangt, ist, obwohl es sich gewissermaßen von selbst zuträgt, ein keineswegs selbstverständliches Wunder. Es ist dies auch deshalb nicht, weil sich selbst der stumpfste Mensch den Stoff, mit dem er umgeht, immer wieder neu zurechtlegt. Er blickt zurück, er blickt nach vorn, und er blickt seitwärts auf andere Leben: die vermeintlichen oder wirklichen Wendepunkte, die sperrangelweit offen stehenden Türen und die Notausgänge, die Scharniere und Passagen. Autobiografie wie Biografie sortieren Zufall und Notwendigkeit ständig von links nach rechts.

Darin liegt sogar im bittersten Fall ein Trost. „Wohl der“, heißt es in Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, der „sagen kann, ’als’, ’ehe’ und ’nachdem’! Es mag ihm Schlechtes widerfahren sein, oder er mag sich in Schmerzen gewunden haben: sobald er imstande ist, die Ereignisse in der Reihenfolge ihres zeitlichen Ablaufes wiederzugeben, wird ihm so wohl, als schiene ihm die Sonne auf den Magen.“

Das Konstruktive des Verfahrens könnte aber aus vielerlei Gründen ein einziger Konstruktionsfehler sein. In Abwandlung des Eisberg-Prinzips erklärte Andreas Isenschmid bei der Hamburger Begegnung von Kritikern und Schriftstellern, die auf Einladung von Sibylle Lewitscharoff, Rainer Moritz und Meike Feßmann im dortigen Literaturhaus zum fünften Mal stattfand, dass 90 Prozent eines Lebens unterirdisch stattfinden. Auch ein guter Biograf erreiche davon höchstens 30 bis 40 Prozent. Was allerdings heißt unterirdisch? Alle, behauptete einst Thomas Bernhard, leben mindestens drei Leben: ein tatsächliches, ein eingebildetes und ein nicht wahrgenommenes. Wäre einem Biografen geholfen, wenn er die Sichtbarkeitsquote auf 100 Prozent steigern könnte?

Der Bloomsburianer Lytton Strachey wusste nur zu gut, warum er dekretierte: „Unwissen ist das erste Hilfsmittel des Historikers.“ Ohne Aussparungen entsteht kein Bild. Und zuguterletzt: Ist es nicht eine Täuschung, die Handlungsmacht des Einzelnen in den Mittelpunkt einer Lebenserzählung zu stellen, wo doch seit jeher starke Gegenkräfte seine bewussten Entschlüsse begrenzen – Gottes unerforschlicher Ratschluss, das Unbewusste oder sich anonym ausdifferenzierende Sphären?

Die Biografie ist besonders im 20. Jahrhundert von allen Seiten niederkartätscht oder schlicht totgesagt worden. Einer, der sich dabei aus materialistischer Perspektive hervortat, war Siegfried Kracauer. In einem Aufsatz für die „Frankfurter Zeitung“, der die Diskussionsvorlage für die Hamburger Begegnung bildete, geißelt er 1939 „die Biografie als neubürgerliche Kunstform“. Sie halte an einem obsolet gewordenen Ich fest und betrachte Geschichte irrtümlich als etwas, das „als Festland aus dem Meer des Gestaltlosen“ auftaucht.

Kracauers einziges Beispiel – und das erwähnt er nur im Vorübergehen – ist der seinerzeit höchst erfolgreiche Emil Ludwig: ein durchaus eleganter, indes furchtbar psychologisierender Fließbandschreiber, der sich berufen fühlte, große Persönlichkeiten der Geschichte zu ehren und zu rühmen. „Führer Europas. Nach der Natur gezeichnet“ heißt eines seiner schon im Amsterdamer Exilverlag Querido erschienenen Bücher, das einen Ton vorgibt, an dem er später in den USA festhielt. Bürgerlich, das war damals das Schimpfwort. Man kann ihm heute kaum noch einen Nachhall verleihen, außer man sagt mit Jens Bisky, der zum Tagungsthema „Flucht in fremdes Leben. Ein neuer Trend zur Biografie?“ in einem brillanten Abendvortrag den Fluch hinzufügte, eine Biographie zu haben: „Wenn die Filmrechte bei Heinrich Breloer liegen, hat es irgendwas mit Bürgertum zu tun.“

Seit dem Bourgeois-Verdacht haben es der Gattung Strukturalismus, Dekonstruktivismus und Systemtheorie schwergemacht. Doch die anthropozentrische Biografie ist das Stehaufweibchen unter den eigentlich unhaltbaren erzählenden Formen. Sie ist es nicht allein, weil Steve Jobs und Arnold Schwarzenegger dem unbelehrbaren Affen Leser seinen Zucker geben, sondern weil die Lehre aus Pierre Bourdieus Analyse der „biografischen Illusion“ nur ein gesteigertes Problembewusstsein sein kann. Nicht Gattungsvermeidung sei das Ziel, glaubt Ina Hartwig, sondern eine Haltung zum Gegenstand auf der Höhe des theoretischen Wissens.

Das erfordert es auch, Biografien, diesen Bastard der Geschichtswissenschaft, in Abständen neu zu schreiben: im Lichte neuer Erkenntnisse, mit anderer methodischer Perspektive und einem anderen Bedürfnis, sich in einem vergangenen Zeitalter zu spiegeln. Deshalb kommen sich, um Goethe zu nehmen, K.R. Eisslers psychoanalytische Lesart, Nicholas Boyle und Rüdiger Safranski höchstens auf dem Buchmarkt in die Quere. Überholt ist nur jenes Schreiben, bei dem auf ein Gramm Faktenfleisch 99 Gramm Einfühlungsfett kommen. Unmöglich auch, wenn die Ereignisse eines Lebens in einer Vorherbestimmungsmatrix verortet werden, in der Hans Gretes Wege kreuzt, ohne zu ahnen, dass sie seine spätere Frau werden soll. „Foregone Conclusions“ heißt dieses Erzählprinzip, dem der Komparatist Michel André Bernstein ein anregendes Buch gewidmet hat, in dem er sich „Against Apocalyptic History“ wendet.

Die Dichterin Monika Rinck wies auf Bernstein hin, um in einer virtuos polyphonen Spielerei das eigene Ich zu zerbröseln – und das Thema in ein Jenseits des simpel Faktischen zu verschleppen, in dem ein Teil der interessantesten zeitgenössischen Literatur siedelt. Gertrud Leutenegger und Karl-Heinz Ott verwiesen auf ihren großen französische Kollegen Pierre Michon. Im „Leben der kleinen Toten“ würdigt er ganz unscheinbare Biografien würdigt, in „Die Elf“ bewegt er sich aus der Wirklichkeit eines Tiepolo–Freskos in die Erfindung eines Louvre-Gemäldes hinein – so raffiniert wie einst Wolfgang Hildesheimer seinen „Marbot“ erfand. Das Retrospektive lässt sich auch diesen Formen nicht ganz austreiben. Dafür bewegt sich die digitale Gegenwart, wie Meike Feßmann zeigte, im permanenten Lifelogging der Social Media an der Grenze zur Echtzeit-Biografie. Wieviel daran Erzählung ist, wieviel reine Datenspur, das harrt noch einer Untersuchung.


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