Biographie : Erinnerungen an Thomas Brasch

Dissident, Rabauke, Bestsellerautor: Ein Buch erinnert an den großen Dichter Thomas Brasch.

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In der DDR konnte er nicht bleiben, im Westen fehlte ihm der Widerstand. Thomas Brasch 1991, bei einer Lesung im Berliner Café Kyril. Foto: Ullstein/Schleyer
In der DDR konnte er nicht bleiben, im Westen fehlte ihm der Widerstand. Thomas Brasch 1991, bei einer Lesung im Berliner Café...Foto: ullstein bild - Schleyer

Der, der stets wiederholte: „Ich stehe nur für mich“, wurde von den Medien als „poetische Stimme einer Generation“ gefeiert oder als Dissident vereinnahmt. Der, der nie einen autobiografischen Bericht über sein Leben schreiben wollte, wurde vor allem wegen seiner Lebensgeschichte bekannt, die im Rückblick auf zwei Anekdoten zusammenschnurrte. Thomas Brasch? War das nicht der, der von seinem eigenen Vater, einem stellvertretenden Kulturminister der DDR, an die Staatssicherheit verraten wurde, bevor er zusammen mit Katharina Thalbach 1976 in den Westen ging? Und der, der die letzten Jahre seines kurzen Lebens in einem schließlich zehn- oder vielleicht auch zwanzigtausend Seiten umfassenden Roman über den „Mädchenmörder Brunke“ versank, wenn er nicht gerade, zerrüttet von Kokain und Alkohol, als Schatten seiner selbst im Ganymed neben dem Berliner Ensemble saß?

So wie von Braschs Bestseller-Erzählungsband „Vor den Vätern sterben die Söhne“ (1977) nur der Titel als geflügeltes Wort geblieben ist, enden die erzählten Geschichten über Thomas Brasch meist mit der traurigen Zusammenfassung: das ewige, das vergeudete Talent. Das Monstermanuskript wurde – bis auf einen 100 Seiten kurzen Splitter – nie gedruckt und liegt heute im Archiv der Akademie der Künste. Und Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, der Brasch 1976 für einen Bericht über seine letzten Wochen in der DDR angeblich einen Vorschuss von 100 000 Mark geboten hatte, sagte ihm ins Gesicht: „Sie sind ein vergessener Autor.“ Was die Wahrheit war und noch immer ist.

Als Brasch 2001 mit 56 Jahren starb, kostete es den „Zeit“-Autor und BraschFreund Fritz J. Raddatz große Mühe, überhaupt einen Nachruf ins Blatt zu drücken. Im letzten Jahr, zum 20. Jubiläum des Mauerfalls, wurde zwar noch einmal an Brasch erinnert, aber nicht als Dichter („Kargo“ und „Der schöne 27. September“), Theaterautor („Rotter“ oder „Lieber Georg“) oder Filmregisseur („Engel aus Eisen“ und „Domino“), sondern als brillanter Interviewpartner in der Gesprächssammlung „Ich merke mich nur im Chaos“, in der es natürlich auch vorwiegend um Biografisches ging.

Seine Eltern, kommunistische Juden, flohen vor den Nazis nach England, wo Thomas Brasch 1945 geboren wurde. Als er zwei war, zog die Familie in die sowjetische Besatzungszone, und während sein Vater Horst Brasch Karriere als Parteifunktionär machte, kam Thomas als Zehnjähriger auf eine Kadettenschule der Volksarmee, die abgeriegelt war „fast wie ein Gefängnis“. Er musste eine Uniform tragen und bei der Instandsetzung von Panzern helfen. Brasch begann zu schreiben, um rausgeschmissen zu werden, aber die Sache ging nach hinten los. Schreiben, wurde ihm mitgeteilt, sei ehrenwert und Schriftsteller könne er auch in der Volksarmee sein.

Zehn Jahre später kam es dann doch zu einem Rausschmiss, mit weit reichenden Konsequenzen. 1968 wurde Brasch von der Hochschule für Film und Fernsehen exmatrikuliert, weil er Flugblätter gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei verteilt hatte. Statt zu helfen, wie vom Sohn gebeten, verließ der Vater das Haus und rief von einer Telefonzelle aus die Staatssicherheit an. Der Sohn kam ins Gefängnis, der Vater verlor trotzdem seinen Posten als stellvertretender Kulturminister.

Die Kadettenschule, die Zeit im Gefängnis und die hartnäckige Verdrängung des Jüdischen in der Familie, die als Kompensation einer Art Kampfgeist für den neuen Staat entwickelte – das waren, wie Katharina Thalbach ein Jahr nach seinem Tod sagte, die wundesten Punkte in seiner Biografie.

In der DDR konnte Brasch nicht mehr bleiben, aber im Westen fehlte ihm der Widerstand, die gesellschaftliche Reibung, und so schuf er sich neue Gegner – eingebildete oder reale. Zu diesem Schluss kommt zumindest, wer die drei Dutzend Brasch-Passagen in den gerade erschienenen Tagebüchern von Fritz J. Raddatz liest. Brasch wettert gegen die Medien und stellt sich ihnen doch immer wieder bereitwillig zur Verfügung, sendet in Form überfallartiger nächtlicher Anrufe Notsignale hinter den immer höher wachsenden Manuskripttürmen des Brunke-Romans hervor, deren doppelte Funktion immer offensichtlicher wird: ihn als schützendes Haus zu umgeben und ihn gleichzeitig einzusperren wie ein Gefängnis. Ein „Rabauke“, der nicht trennen konnte und eben daran zugrunde gegangen sei, „weil er seine extrem dünne Haut über die Welt spannte, und die zerriss mit der“, heißt es bei Raddatz.

Das kann man von „Ist das ein Leben. Der Dichter Thomas Brasch“, dem biografisch-poetologischen Essay der jungen Journalistin und Leiterin des Kölner Literaturhauses Insa Wilke, nicht behaupten. Ein großer Vorzug dieser Studie besteht darin, dass sie eben kaum biografisch ist und ohne jede Anekdote auskommt. Wilke nimmt stattdessen Motive und Begriffe, mit denen Brasch sich und seine Lebenssituation beschrieben hat – „Widerstand“ und „Spaltung“ – um mit ihrer Hilfe Braschs Werke zu untersuchen und ihre Bewegung nachzuzeichnen.

Brasch wollte nie autobiografisch schreiben. Dafür hat er sich als Künstler immer wieder neu gesucht, im Akt des Schreibens quasi realisiert – und das oft über Spiegelungen und mit Hilfe anderer Dichter. In Gedichten hat er sich an Brecht und Isaak Babel versucht. „Zwischen ihnen steht er und blickt vielleicht von einem zu anderen“, schreibt Wilke. Das Stück „Lieber Georg“ handelt nur auf den ersten Blick vom Dichter Georg Heym, vor allem aber von der Rolle des Künstlers und seinem Verhältnis zur Gesellschaft. Der Film „Domino“ (1982) erzählt von einer Schauspielerin, die für einen Regieveteranen Goethes Stella spielen soll und während ihrer Gänge durchs winterliche Berlin auf andere Schauspieler und einen Regisseur trifft. Anders gesagt: wenig Narration und viel AchtzigerJahre-Selbstbezug – möglicherweise auch einer der Gründe, warum Thomas Brasch heute kaum noch gespielt wird.

Höhepunkt von Braschs Versuch, „sich im geschriebenen Wort zu verstecken“ ist für Wilke das Material zum Brunke-Roman, das sie im Archiv eingesehen hat. Karl Brunke hatte Anfang des 20. Jahrhundert zwei Mädchen getötet. Aber Brunke verliert im Laufe des ungeheuerlichen Textes sein Gesicht, kann jedes und alles sein, wird zum Bruder des Dichters, zu einem Architekten, zu ihm selbst. Dann heißt es: „Mein Kopf sinkt auf meinen Unterarm, und mir ist, als falle ich aus einem Schlaf in einen anderen, in dem mir ein Buch aufgeschlagen wird, das nur weiße Seiten enthält, aber unsichtbare Zeichen, die ich entziffern muss, um aus meinen Schlaf endlich zu erwachen.“

Raddatz würde sagen: Wie kann man sich nur so verlieren?! Wilke schreibt: „Mit der Kunst in die ,allereigenste Enge’ gehen.“

Insa Wilke: „Ist das ein Leben. Der Dichter Thomas Brasch“. Matthes & Seitz, Berlin 2010. 318 Seiten, 29,90 €. – Buchvorstellung heute, Dienstag, im Literaturforum im Brechthaus (Chausseestr. 125) um 20 Uhr.

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