Birgit Minichmayr : „Ich hatte diesen Drang, Gott zu verfluchen“

Dem Freund ein Messer reinrammen? München, ein Polizeistaat? Goethes Sprache? Birgit Minichmayr über das Böse und das Gute auf dieser Welt.

Stefanie Flamm
Birgit Minichmayr
Birgit MinichmayrFoto: Schneider-Press

Frau Minichmayr, können Sie sich eigentlich noch unbefangen hinters Steuer setzen?

Warum denn nicht?

In „Gnade“, Matthias Glasners Wettbewerbsbeitrag auf der Berlinale, spielen Sie eine Frau, die ein Kind totgefahren hat und Fahrerflucht begeht.

Ich habe zum Glück eine gesunde Distanz zu meinen Figuren, sobald ein Film abgedreht oder ein Theaterstück zu Ende ist. Es gibt Kollegen, die sich nach der Vorstellung nicht richtig verbeugen können, weil sie aus ihrer Rolle nicht rauskommen. Was mich allerdings nicht sehr beeindruckt. Im Gegenteil, mich umweht immer ein leichter Anflug von Fremdschämen, wenn dieses Nachzittern als Qualitätsnachweis ausgelegt wird. Ich kann mit dieser Form von Eitelkeit nichts anfangen. Mir ist schon immer klar, dass ich nicht Lady Macbeth bin.

Wenn man liest, was seit Ihrem aktuellen Bühnenerfolg „Der Weibsteufel“ von Karl Schönherr über Sie geschrieben wurde, scheint die Trennung nicht so eindeutig. Der „Spiegel“ etwa nannte Sie „eine Frau zum Anbeten und zum Fürchten“: ungestüm, grob, zerbrechlich und sexy. Die „Zeit“ schrieb: „Sie ist die Frau, die Männer nicht ver- sondern vorführt.“

Und dann hat sie auch noch diesen Schmollmund und so eine Reibeisenstimme! Man versucht mich und die Begehrlichkeiten, die meine Figuren ausstrahlen, zu kategorisieren, und manchmal vermischt sich das stark mit den Projektionen der Autoren. Es sind ja immer Männer, die so über mich schreiben. Frauen würden nie erwähnen, dass ich beim Interview High Heels trage, zumal es ja auch nur ganz normale Absatzstiefel sind. Mit mir und meinem Leben hat das alles nichts zu tun.

In Ihrem Beruf schöpft man doch aus dem eigenen Leben.

Natürlich, ich schöpfe vor allem aus meinem Leben, aber eben auch aus meiner Vorstellungskraft und aus meiner Erlebnisfähigkeit. Sonst müsste ich ja ein Kind totfahren, um nachvollziehen zu können, was diese Tat in „Gnade“ mit dem Rest der Familie macht.

Und was?

Plötzlich gibt es in dieser unglücklichen eingefahrenen Ehe einen Aufbruch, eine neue Aufmerksamkeit füreinander. Beide Partner wissen: Wenn wir weiterhin eine Familie bleiben wollen, müssen wir noch einmal von vorne anfangen. Die Komplizenschaft schweißt sie zusammen.

Es geht also darum, welche Rolle das Böse für das private Glück spielt.

Na, es geht auch darum, welche Ängste das Paar erleidet, was für ein schlechtes Gewissen es hat, weil es diese Tat vor der Polizei verheimlicht. Ich tu mich schwer damit, Gut und Böse so klar zu trennen, ich lege meine Rollen nie so eindeutig an. Kein Mensch verhält sich immer nur gut, und auch der Böse zeigt menschliche Seiten. Deshalb hat mir „Michael“, der neue Film von Markus Schleinzer, der dieses Jahr den Max-Ophüls-Preis bekommen hat, so gut gefallen.

Schleinzer erzählt, angelehnt an den Fall Natascha Kampusch, die Geschichte eines Pädophilen, der einen kleinen Jungen über Jahre gefangen hält, um ihn zu missbrauchen.

Er tut uns nicht den Gefallen, das Böse auszustellen und es unserem Hass preiszugeben. Das Perverse wird mit dem Alltag verwoben. Abends brät der Täter dem Jungen einen Leberkäs.

Der Philosoph Rüdiger Safranski sagt, dass wir das als böse bezeichnen, was uns Angst macht.

Das kann ich unterschreiben. Wir drücken das Böse weg, dabei ist es irgendwo in uns drin. Jeder kennt doch diese Momente. Man hat sich über seinen Freund geärgert und schneidet gerade Tomaten. Plötzlich ertappt man sich bei der Vorstellung: Was, wenn jetzt irgendwas über mich kommt und ich mir oder ihm das Messer in die Brust ramme?

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