Kultur : Bis aufs Komma

Jonathan Littell erklärt in Berlin sein Skandalbuch

Bernhard Schulz

Überraschend unspektakulär verläuft das „Gespräch“ zwischen Jonathan Littell und Daniel Cohn-Bendit, zu der der Berlin Verlag am Donnerstagabend ins Berliner Ensemble geladen hat. Der Roman „Die Wohlgesinnten“ (Berlin Verlag, 36 €), seit genau einer Woche in den deutschen Buchhandlungen vorrätig, dürfte den meisten Zuhörern im ausverkauften Haus kaum geläufig sein, angesichts seines Umfangs von fast 1400 Seiten. Umso größer das Bedürfnis, mehr über den Autor, seine Literatur und auch die historischen Umstände der NS-Kriegsführung zu erfahren, die der Roman an Hand der fiktiven Person des SS-Obersturmbannführers Dr. Max Aue darstellt.

Gerahmt wird das Gespräch von der Lesung zweier Ausschnitte aus dem Roman; harmlose Stellen, verglichen mit den detailgenau geschilderten Mordaktionen, die nicht nur der Romanfigur Aue den Magen umdrehen. Cohn-Bendit, ganz französisch lebhafter Intellektuellen-„Mandarin“, fragt seinen zurückhaltenden, aber nicht scheuen Gesprächspartner nach dessen Erlebnissen als Mitarbeiter humanitärer Einsätze in diversen Krisengebieten. „La guerre, c’est la guerre“, antwortet Littell lakonisch und zieht an seinem Zigarillo, in grauem Anzug und weißen Hemd und mit übergeschlagenen Beinen auf angenehme Weise selbstbewusst und zurückhaltend zugleich.

Cohn-Bendit kommt wortreich auf den Roman zu sprechen, Littell unterbricht mit kurzen Einwürfen. Erst der Hinweis auf das Vorbild der griechischen Tragödie lockt ihn aus der Reserve. Er beharrt darauf, „Literatur“ geschaffen zu haben. Ihn interessiere die Sprache: Während seiner fünfjährigen Vorarbeit sei er auf unterschiedliche Nuancen des NS-Sprachgebrauchs gestoßen, vom radikalen Antisemitismus bis zum rationalen Ökonomismus. „Ich kann verstehen, dass viele Leute, die in diesem System funktioniert haben, behaupten, keine Nazis gewesen zu sein. Aber sie funktionierten in eben diesem System.“

Auf die Fürchterlichkeit der geschilderten Szenen aus der Ukraine oder Stalingrad angesprochen, gibt Littell eine bezeichnende Antwort: „Wenn man das schreibt, denkt man an das Komma. Die Leiche ist ein Satzzeichen!“ Den Interpretationsversuchen Cohn-Bendits verweigert sich der 40-Jährige. Auf den Vorwurf des „Kitsches“ entgegnet er, „wenn man die Fakten zeigt, ist das allein schon ein Delirium“, und verweist darauf, wie schnell Menschen in Ausnahmesituationen „entgleisen“ können: „Wenn Sie das multiplizieren mit der Dynamik des Krieges …!“

Schließlich überlebt Aue den Krieg – physisch. Das bürgerliche Leben unter falschem Namen langweilt ihn; doch er bereut nichts: „Das stört die braven Leute“, so Littell. Er hat einen Roman geschrieben, kein Lehrbuch. Das Publikum, auf die eigene Lektüre zurückverwiesen: nicht recht zufrieden. Bernhard Schulz

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