Kultur : Bis daß der Tod euch scheidet

FREDERIK HANSSEN

DE-EN-TE .Das klingt nach Sprengstoff - vor allem, wenn es ein Thüringer ausspricht.Die Abkürzung "DNT" steht für das "Deutsche Nationaltheater" in Weimar, und das ist in der Tat derzeit eine explosive Mischung.Ausgerechnet in diesem Kulturhauptstadtjahr nämlich soll das Haus mit dem Theater der nahen Landeshauptstadt Erfurt fusioniert werden.Zum Entsetzen der Weimarer, zum Entsetzen der Erfurter - und zur Entlastung des Haushaltes von Kulturminister Gerd Schuchardt (SPD).118 Mark pro Einwohner gibt Thüringen im Jahr für die Kultur aus - und liegt damit unter den deutschen Flächenstaaten unangefochten an der Spitze: Das Erbe der deutschen Kleinstaaterei macht dem Bundesland zu schaffen, 120 Millionen Mark im Jahr verschlingen die zehn Sinfonieorchester und acht Drei-Sparten-Theater.Bei einer Bevölkerung von 3,5 Millionen dürfte das die höchste Pro-Kopf-Theaterquote der Welt sein.

Doch das Geld reicht vorn und hinten nicht.Da Kulturminister Schuchardt aber aus wahltaktischen Gründen so lange wie möglich alle Theaterstandorte erhalten will, verfiel er wie die meisten seiner Kollegen in den neuen Bundesländern auf die Idee des "Sparens durch Fusionen": Die Theater von Altenburg und Gera wurden so bereits zusammengeschlossen, ebenso die von Rudolstadt und Eisenach sowie die Orchester von Gotha und Suhl.Schuchardts letzter Spartrumpf aber, das Doppeltheaterprojekt Erfurt-Weimar, zeigt prototypisch für die Kulturpolitik der gesamten Republik, daß jede Fusion zweier funktionierender Kulturorganismen aus finanziellen Gründen immer nur das verdeckte Eingeständnis politischer Entscheidungsschwäche ist.

Denn nur auf den ersten, technokratischen Blick drängt sich die Fusionsidee auf: Gerade eine Viertel-Bahnstunde oder 30 Autominuten liegen die Städte voneinander entfernt, beide Theater leisten sich derzeit noch die vier Sparten Theater, Oper, Ballett sowie Kinder- und Jugendtheater, die Etats beider Häuser liegen bei 40 Millionen Mark im Jahr, in Erfurt steht ein Theaterneubau bevor, dessen Bühnenmaße mit denen von Weimar kompatibel gemacht werden könnten - und beide Theater stehen inzwischen an dem Punkt, wo Tariferhöhungen und absehbare Kosten für die Ost-West-Angleichung (derzeit ist man bei 85 Prozent) aus eigener Kraft nicht mehr erbracht werden können, ohne an die Substanz zu gehen.

Da weder die Städte als Theaterbetreiber noch das Land als Zuschußgeber ihre Subventionen erhöhen können, machte sich Schuchardt ein Gutachten des Deutschen Bühnenvereins von 1997 zunutze - freilich ohne auf die Empfehlung einzugehen, das Doppelhaus zum "Staatstheater" zu adeln, bei dem das Land dann Hauptgesellschafter wäre.Als Lockangebot legte der Minister eine Garantie über konstante Landeszuschüsse bis zum Jahr 2005 auf den Verhandlungstisch.Das würde den Theatern ermöglichen, durch sozialverträglichen Stellenabbau die Tarifsteigerungen selber auffangen zu können.Obwohl klar war, daß eine Theaterfusion in den rivalisierenden Nachbarstädten nur äußerst schwierig durchzukämpfen sein würde, erarbeiteten beide Stadtkulturdirektoren mit den Verwaltungsfachleuten der Theater schließlich seufzend ein Papier - das sicherheitshalber alle wirklich heiklen Punkte wie den offiziellen Sitz des Intendanten oder die Verteilung der Sparten auf die Häuser erst einmal ausklammerte.Selbst die Entwicklung eines Stellenplans, nach dem die bis zu 250 Positionen eingespart werden sollen, bleibt danach dem künftigen Intendanten überlassen, der ab Herbst 2000 das Zwillingshaus führen soll.

Unter einem Briefkopf "Theaterverbund Erfurt-Weimar (Spielorte in alphabetischer Reihenfolge)" wollen die beiden jetzigen Intendanten in keinem Fall arbeiten.Sie kämpfen hartnäckig für die Selbständigkeit ihrer Häuser.Erfurts Intendant Dietrich Taube wählt dabei gerne das Bild von zwei Schlachtschiffen, die in ihre Einzelteile zerlegt werden sollen, um dann zu einem viel größeren und unbeweglicheren Panzerkreuzer zusammengebaut zu werden.Weimars Theaterchef Günther Beelitz dagegen scheint eher einen Viermaster und eine Jolle vor Augen zu haben, wenn er von den abweichenden künstlerischen Ansprüchen und Zielgruppen der benachbarten Häuser spricht: Während Weimar mit großen Wagner-Opern und Klassikern in zeitgenössischen Interpretationen überregional denke, habe sich Erfurt ganz der flachen Unterhaltung hingegeben."Die spielen viermal die Woche Operette, um das Haus vollzubekommen - dafür sind staatliche Subventionen nicht da." Kein Wunder, daß an der Fassade des Deutschen Nationaltheaters Spruchbänder hängen, auf denen man lesen kann: "1999 Weltklasse, 2000 Kreisklasse".

Doch der Minister kennt die verwundbaren Stellen beider Häuser: Da das 60 000-Einwohner-Städtchen Weimar mit Mühe und Not gerade zehn Prozent des 40-Millionen Etats des Deutschen Nationaltheaters zusammenbringt, ist man hier komplett von den Landesmitteln abhängig.In Erfurt verweist man dagegen stolz darauf, daß die Stadt ihr Theater zu zwei Dritteln (23 Millionen Mark) selbst finanzieren kann.Die Unterstützung des Landes braucht man hier aus anderem Grund: um nach der baupolizeilichen Schließung des alten Opernhauses 1997 endlich mit dem auf 120 Millionen Mark veranschlagten Neubau beginnen zu können.40 Millionen will das Wirtschaftsministerium beisteuern, das Kulturministerium weitere 50 Millionen Mark.

Die Beteuerung Schuchardts, eine Zustimmung des Erfurter Stadtrates zur Fusion sei selbstverständlich kein Junktim für die Bewilligung der Gelder, galt dabei nur so lange, wie sich die politischen Vertreter willig zeigten - als die Entscheidung über die Fusion am 18.Dezember in Erfurt von der Tagesordnung flog, nachdem der Weimarer Stadtrat kurz zuvor einstimmig gegen den Verbund votiert hatte, annullierte das Ministerium kurzerhand den Termin für die feierliche Geldübergabe am 22.Dezember.Bevor nicht klar sei, wie es mit den Theatern weiterginge, werde er keine Mark überweisen, schüchterte Schuchardt die Erfurter Bürgervertreter ein - die daraufhin prompt einknickten und einen Tag vor Weihnachten in einer Sondersitzung das Fusionspapier annahmen.Bis zum 20.Januar muß sich nun auch Weimar entscheiden - für den Verbund oder für den Tod (mindestens) einer Sparte.

Mit seiner Fusionspolitik spielt Thüringens Kulturminister Schuchardt auf Zeit: Dabei kann er bereits im eigenen Land die Folgen seiner Politik begutachten.Die 1995 als "Musterfusion" gefeierte Ehe zwischen den Theatern in Gera und Altenburg sieht dunklen Zeiten entgegen, weil beide Städte ihre Zuschüsse im Jahr 2000 um jeweils zwei Millionen absenken und das Land dementsprechend mitzieht: Statt 39,5 Millionen bleiben dann noch 32 Millionen Mark übrig.Damit steht das Fusionstheater wieder vor demselben Abgrund, vor dem beide Häuser allein fünf Jahre zuvor bereits gestanden hatten.

In dieser Situation wagt allein Weimars Kulturdirektor Lutz Vogel, das Hauptproblem auzusprechen: "Die Thüringer Theaterlandschaft ist so wie bislang nicht zu erhalten.Doch es fehlt der Mut, harte Schnitte zu machen.So etwas laut zu denken, wird bereits als Sakrileg angesehen." Eins nämlich ist klar: Wenn der Kulturetat des Landes weiter stagniert, die Kosten der Theater aber tarifbedingt steigen, steht man in Thüringen bald da wie jetzt schon in Brandenburg: In dem festen Willen, keinen Standort aufzugeben, hat man hier die meisten Theater bereits derart kleingespart, daß eine halbwegs zumutbare Qualität einfach nicht mehr geleistet werden kann.Und wenn dann auch noch in Potsdam laut über den Verzicht auf Theater oder Orchester nachgedacht wird, droht das ganze, mühsam zusammengestoppelte Kultur-Notversorgungs-Kartenhaus in sich zusammenzufallen.

So weit ist man in Thüringen noch nicht, aber selbst mit erzwungenen Fusionen wird man auch hier nicht mehr lange weiterwurschteln können: Wenn nicht das Wunder geschieht, von dem Weimars Intendant Günther Beelitz träumt, und der Bundeskulturbeauftragte Michael Naumann sich entschließt, das Deutsche Nationaltheater als Thüringer Leuchtturm aus Bundesmitteln zu finanzieren, wird auch hier bald nichts mehr richtig gehen.Spätestens dann müßte Schuchardts Nachfolger den Mut aufbringen, lieber auf Rumpf-Theater in Altenburg oder Rudolstadt zu verzichten, um die Hauptstadtorte Weimar, Erfurt und Meiningen konkurrenzfähig halten zu können.

Doch es gibt natürlich auch hier ein "andererseits": So erzählt der Weimarer Kulturdirektor, es gäbe in seinem Heimatstädtchen Sondershausen ein Sinfonieorchester mit 50 Musikern.Angesichts von zwölf Konzerten pro Jahr mit jeweils 250 Zuschauern sind die Kosten von zwei Millionen Mark haarsträubend - die kulturelle Atmosphäre aber, die die Musiker und ihre Familien in dem trostlosen, von Arbeitslosigkeit gebeutelten Ort verbreiten, ist nicht mit Gold aufzuwiegen.

In der Tat ist auch das Weimarer Theater mit seinen 423 Angestellten inzwischen der größte Arbeitgeber der Stadt, das Erfurter mit 410 Planstellen einer der größten.Genau hier tut sich das Beschäftigungsfeld der deutschen Provinztheater im 21.Jahrhundert auf: Nicht mehr als hochkulturelles Sahnehäubchen und "weicher" Standortfaktor, sondern als künstlerisches Streetworker-Team und ständiges Mitglied der städtischen Klimakonferenz wird das Stadttheater den Politikern seine Daseinsberechtigung erklären können.Für ein Theater, das als lokales Kommunikationszentrum auf das soziale Miteinander in einer Stadt ausstrahlt, mag dann der eine oder andere Stadtrat sogar bereit sein, auf zwei Kilometer Umgehungsstraße mehr pro Jahr zu verzichten.

Demnächst folgt ein Bericht zu geplanten Fusionen der Theater und Orchester von Potsdam, Brandenburg und Frankfurt/Oder.

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