Kultur : Bis der Arzt wiederkommt

Wo das Leben so spielt: Am Kottbusser Tor geht es rau zu. Künstler und Clubs ziehen trotzdem hin.

Philipp Lichterbeck

Hier muss es sein. Aber von außen, nichts zu sehen, nichts zu hören, kein schummriges Licht, kein brummender Bass. Autos brausen die Adalbertstraße hinunter, umtosen die Verkehrsinsel am Kottbusser Tor. „In uns allen ist Ingo“, hat jemand groß auf die Aufgangstreppe gemalt, um an Berlins berühmtesten Penner zu erinnern, der hier im Dezember erfror. Vielleicht ist ja von oben, vom Bahnsteig, was auszumachen. Alle paar Minuten spuckt die Linie 1 Pulks von Jugendlichen aus, die schmirgelnd im unterirdischen Innern des Bahnhofs verschwinden. Ein Dealer mit Wollmütze und Narbe unterm Auge macht „Pssst!“, ein blasser Junkie kotzt auf die Schienen.

Doch da, gegenüber, im Neuen Zentrum Kreuzberg, diesem Missverständnis zwischen sozialem Wohnungsbau und Festungsanlage, leuchtet da nicht ein dünner Streifen Rotlicht über eine der Betonbalustraden? Das muss das West-Germany sein, Kreuzbergs aufregendster Beitrag zur nächtlichen Veranstaltungskultur. Und ein deutliches Anzeichen dafür, dass die Gegend am Kotti einen Imagewandel vollzieht: von der Schmuddelecke Berlins zum Anziehungspunkt für eine alternative Partyszene, die genug hat vom Investorenparadies Mitte und der aufgetaktelten „Castingallee“ im Prenzlauer Berg.

Der Wandel begann vor mehr als drei Jahren mit dem Möbel Olfe am Ende der Dresdner Sackgasse. Die Wochenzeitung „Freitag“ adelte die zugerauchte Kneipe mit dem großen Budapest-Bild bereits als „intellektuellen Fixstern“ des Stadtteils. Es folgte der Festsaal Kreuzberg, um die Ecke in der Skalitzer Straße, wo sowohl türkische Hochzeiten als auch Lesungen des Verbrecherverlags oder Attac-Diskussionen stattfinden. Man richtet sich offenbar in der westdeutschen Betonarchitektur der siebziger Jahre ein. Und nun das West-Germany, von dem keiner sagen kann, wo genau in den Eingeweiden des Kottbusser Lindwurms es sich befindet.

Eine der Glastüren am Eingang ist eingetreten, das klirrend kalte Treppenhaus mit Graffiti übersät. Oben haben sie einen Zettel an die Tür gepappt: „Büro für Post-Postmoderne Kommunikation.“ Dahinter brodelt es – eine dieser Berliner Privatpartys, angeblich nur für Freunde, aber Gott und die Welt sind auch da. Auf einer winzigen Bühne aus Beck’s-Kisten steht eine siebenköpfige Westernpunkzigeuner-Band und schrubbt und schwitzt und bläst die Posaune.

Der Sänger im Clownskostüm krächzt: „Letztes Lied.“ – „Neeeein“, schallt es ihm entgegen. „Jane Walton heißen die Spinner“, sagt ein Mädchen mit auf dem Kopf getürmten Korkenzieherlocken und dünnen Lippen. An der Wand lehnt der Schlagzeuger der Sterne und sieht traurig aus. Vor der Bühne zappeln sie, hinten kippen sie sich Johnny Walker aus Kunststoffbechern in die Strubbelköppe.

Mittendrin stehen Stephan Kallage, Ingo Gerken, Paul Carlin und John Fitzgerald. Vor fast einem Jahr, am 1. Mai 2005, eröffneten sie das West-Germany in einer ehemaligen Dermatologenpraxis. „Ein Labor für zeitgenössische Kunst wollten wir machen“, sagt Kallage, der zornige Wortführer der vier, „aber weit weg von der Insel Mitte und ihren klinischen Galerien, diesen beschissenen White Cubes, wo sie nichts mehr wissen von der Realität und vom richtigen Leben“. Mit dem Vorschlaghammer zerschlugen sie damals die Trennwände zwischen den Behandlungsräumen, durchfrästen die Träger und rissen die Deckenverkleidung runter. Heute fühlt man sich wegen des weiß gefliesten Fußbodens an eine Schlachterei erinnert.

In den vergangenen elf Monaten waren hier in dichter Abfolge Performances und Raum-Installationen zu sehen. Der zerkloppte Raum wurde an Drei-Sterne- Köche und andere Feiergesellschaften vermietet, darunter auch Ärzte, die den Praxis-Geruch schätzen, der mittlerweile einer abgestandenen Melange aus Bier und kaltem Rauch gewichen ist. Und Musikerfreunde aus der ganzen Welt reisen ins West-Germany, um mit Ausblick aufs Kotti zu rocken.

Der Standort ist Programm. Das Kottbusser Tor ist das ärmste Viertel der Stadt. CDU-Lautsprecher Klaus Landowsky wollte es vor wenigen Jahren noch sprengen lassen, denn am Kotti lebe „nur noch Restbevölkerung, die nicht mehr stadttypisch ist“. Heroingeister wanken durch die U-Bahngänge und spucken, und die türkischen Jungs treten gerne mal Türen ein oder auch ein Gesicht. „Genau deshalb sind wir hier“, sagt Ingo Gerken. Und Kallage ergänzt: „Wir hatten die Mitte- Fressen satt. Diese uniformierten Wichtigtuer und Langweiler. Wenn die hierher kommen, dann sollen sie über Spritzen laufen und sich den Kopf stoßen. In der Kunst geht es um Haltung.“

Es scheint, als ob mit dem West-Germany politische Positionen zurück ins Nachtleben kehren. Während etwa die Macher der Galerie Berlin/Tokyo in den Hackeschen Höfen gegen Ende der Neunziger stolz behaupteten, mit dem „Draußen“ nicht viel zu tun zu haben, veröffentlichten die West-Germany-Macher ein Manifest: Ihr Büro sei „elektro-politisch, psycho-erotisch und hetero-utop. Es besteht aus seiner Umgebung“.

Tatsächlich sucht das Quartett aus Mittdreißigern den Austausch mit den Nachbarn. Mit der Hausaufgabenhilfe für türkische Kinder gegenüber hat man vereinbart, das Treppenhaus zu streichen, im Dönerladen des Herrn Aktürk im Erdgeschoss trinkt man Tee, und der Türkische Gemeindeverein, von dem man nur durch eine dünne Trockenbauwand getrennt ist, toleriert mittlerweile die Soundchecks am frühen Abend.

Mit dem Namen ihrer Galerie wollen die vier an die untergegangene BRD erinnern, wo Gerken und Kallage aufgewachsen sind. „Wir versuchen den nostalgischen BRD-Kitsch und die Politiker-Appelle an den deutschen Arbeitsethos der fünfziger Jahre zu karikieren“, sagt Kallage. „Es wird nie wieder Arbeit für alle geben.“ Das bezieht er auch auf sich.

„Wir befinden uns in prekären Lebensverhältnissen. Wir reißen uns den Arsch auf, schuften bis zum Umfallen. Die Kulturpolitiker kommen vorbei, sagen ,Super!’. Aber wir sind bettelarm.“ Auch im Quartiersmanagement des Zentrum Kreuzberg freut man sich über so viel Engagement. Das Image der Betonsichel werde aufgewertet, heißt es, auch wenn sich dadurch an der Arbeitslosenquote von rund dreißig Prozent nichts ändere. „Wir machen einen Ort für Unterprivilegierte“, sagt Kallage. Finden müssen auch sie ihn selbst.

Am Samstag spielen die Faith Healers aus England.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben