Kultur : Bis der Globus platzt

Chaplins „Großer Diktator“ kommt wieder ins Kino

Peter W. Jansen

Er kann sich nicht halten vor Weinen, während er einem Kunden die Haare schneidet und erzählt, wie vielen Frauen er in Treblinka die Haare hat schneiden müssen, bevor diese Kunden ins Gas gingen. Abraham Bomba, der jüdische Friseur in „Shoah“ von Claude Lanzmann, könnte ein Bruder des jüdischen Friseurs sein, dem Charlie Chaplin das Schicksal bereitet, mit dem faschistischen Diktator Hynkel verwechselt zu werden. Ein Jude als Hitler? Als „Der große Diktator“?

Chaplin sollte nicht der einzige bleiben, der eine brüderliche Nähe des rassistischen Massenmörders zu seinen Opfern installierte und mit dieser Provokation alles an Humandünkel hinwegwischte, mit dem sich der Gutmensch gegen seine eigenen Dunkelheiten abschirmt. Zwei Jahre nach dem „Großen Diktator“ wird Ernst Lubitsch in „Sein oder Nichtsein“ die jüdischen Schauspieler eines Warschauer Theaters den Hitler und seine Bande so täuschend echt parodieren lassen, dass der Aufstand der Intelligenz gegen die Dummheit perfekt gelingt. Und noch einmal 25 Jahre später heißt das Ärgernis, das Mel Brooks dem guten Geschmack zubereitet, „Frühling für Hitler“, und auch das ist eine Speise, bei der der Fisch vom Kopf her stinkt.

Wie hygienisch, attisch-arisch rein – und zum Himmel stinkt nur die Spekulation mit der Geschichtsvergessenheit der Enkelgeneration –, wie unfasslich ungebrochen und naiv kommt dagegen der Hitler des „Untergangs“ daher. Das Monster, das sich kaputt gemordet hat. Ein Tier, das der hingebungsvolle Bruno Ganz so menschlich erscheinen lässt, dass er uns so unbekannt bleibt, wie wir uns selber.

„Der große Diktator“ war bei seinem Erscheinen 1940 in den USA politisch unerwünscht, weil der Diplomatie nicht behagen konnte, dass der Lenker einer Nation, mit der man (noch) im Frieden lebte, despektierlich karikiert wurde. Das konnte dem „Untergang“ 2004 in Deutschland nicht widerfahren: Der Film, dem Geblendete blindlings das Etikett Meisterwerk anhefteten, wäre sonst nicht gewagt worden. So kalt der aktuelle Hitler einem alle Dummheit kühl berechnenden Kopf entstiegen ist, so emotional kam Chaplins Hynkel aus einem Bauch voller Wut. Der Diktator als komische Figur? Der mit dem Wolf tanzt, also mit sich selbst? Der mit der Weltkugel jongliert, bis der Globus platzt? Die Erde nichts als eine mit Luft gefüllte Blase? Adenoid Hynkel (Adolf Hitler), der mit dem Duce Benzino Napaloni (Benito Mussolini) einen furiosen pas de deux hinlegt? (Und den Italiener auf die Bretter.)

So viel Entsetzen war nie, so viel Horror nicht, bevor der Schrecken komisch wurde. Alles Kinderverfeuern als Kanonenfutter, lebensverlängernde Maßnahme eines dem Suizid geweihten Politgangsters: ein Klacks, ein nach Mitgefühl gierendes Kalkül, gegen die Verzweiflung des Komikers. Erst wenn der Clown weint, geht die Welt wirklich zugrunde. Weil es dann nichts mehr zu lachen gibt. Nur deshalb rettet der weinende Clown die Welt: indem er uns lachen macht.

Chaplin hatte es schon immer kurios – und alles andere als komisch – gefunden, dass in Deutschland ein Politiker Karriere machen konnte, der dem Tramp zum Verwechseln ähnlich sah. Wenn er besonders gut gelaunt war, konnte er eine Plagiatsklage erwägen gegen die Usurpation seines Schnurrbarts. Schon 1937 schlägt ihm der Produzent Alexander Korda einen Hitler-Film inklusive Personenverwechslung vor. Chaplin zögert, bis ihn weniger die politische Entwicklung als die seiner Filmkunst, der für ihn so steinige Übergang vom Stumm- zum Tonfilm, überzeugt: als Hynkel konnte er schwadronieren wie Hitler, als der an Amnesie leidende jüdische Friseur stumm bleiben wie Charlie.

Womit das Problem nur aufgeschoben war – und erst erledigt werden konnte mit dem endgültigen Abschied von der Figur des Tramp im ästhetisch ambivalenten Spätwerk. Doch schon der namenlose jüdische Friseur im „Großen Diktator“ durfte so wenig stumm bleiben, wie Claude Lanzmann dem Abraham Bomba zu verstummen erlaubt. Es muss gesprochen werden, unter Tränen oder fanatisch. Bomba darf weinen, der Clown darf es nicht. Und so hält er, in der Gestalt des Diktators, eine flammende Rede für die Menschlichkeit. Man kann streiten, ob hier nicht nur noch Chaplin selbst und nicht mehr die Filmfigur spricht. Und ob die Humanität in direkter Rede nicht alle Transzendenz des Kunstwerks beschädigt. Doch es gibt geschichtliche Situationen, wir wissen es spätestens seit Auschwitz, in denen keine Ästhetik mehr stimmt.

1933 drehten die jüdischen Marx Brothers den Film „Duck Soup“. Da übernimmt Groucho Marx als Rufus T. Firefly die Herrschaft über den Staat Freedonia – und führt ihn in den Krieg. Während der Dreharbeiten, so erinnerte sich Harpo Marx später, hörte man im Radio Hitler-Reden. „Zweimal mussten wir unterbrechen, um seinem Kreischen zuzuhören.“

Ab morgen Originalversion in den Berliner Kinos Delphi und International.

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