Kultur : Bis die Stimme bricht

Michael Thalheimer inszeniert in Hamburg O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“

Katrin Ullmann

Ganz allein steht Victoria Trauttmansdorff am vorderen Bühnenrand. Sie trägt ein nachthemdschlichtes Brautkleid (Kostüme: Barbara Drosihn). Ist einsam. „Irgendetwas fehlt mir schrecklich“, sagt sie und bewegt unablässig ihre Finger. Ihre Stimme bricht. Sie fragt und sucht. Nahezu alles hat sie verloren: Ihren Glauben, ihre Liebe, ihren Lebenssinn. Jetzt erinnert sie sich an Kindheit, Klavierspiel und glückliche Tage. Victoria Trauttmansdorff spielt Mary Tyrone aus „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. Trauttmansdorff ist eine großartige, eine sekündlich neue und immerfort irritierende Mary Tyrone. Mal ist sie verzweifelt, mal unbeschwert, mal enttäuscht, mal hoffnungsfroh.

Michael Thalheimer hat Eugene O’Neills autobiografisches Familiendrama – uraufgeführt wurde es 1956 in Stockholm – im Thalia Theater auf die Bühne gebracht. Kahle Theaterwände, irgendwo ein Tisch voll gestellt mit Schnaps, drei Stühle daneben, eine Glühbirne darüber. Und, ausgelegt mit abgewetztem Industrieparkett, entgleitet immer wieder der Boden unter den Füßen - mal schneller, mal langsamer. Der aufgerissene Raum (Olaf Altmann) macht aus dem Kammerspiel ein Spiel ohne Kammer, alles dreht sich im Kreis. Noch verlorener seien also die Figuren. Noch heimatloser, exponierter, noch versoffener. Tatsächlich aber sind sie – zumindest zu Beginn des Abends – weder bedauernswert noch unerträglich. Ihr Schicksal ist vor allem fern und unerheblich.

Vater (Peter Kurth) – Schauspieler, Säufer und Geizkragen – Sohn James (Peter Moltzen) – Schauspieler und Säufer – und der Jüngste, Edmund (Hans Löw) – Dichter, Seemann und Alkoholiker an einem Tisch. Sie trinken, reden, streiten. Abwechselnd werden ihre Stimmen laut, erröten ihre Köpfe. Wutentbrannt und allzu klischeegemäß fliegen bald Stühle, Flaschen, Gläser.

Dieses Zuhause ist kein guter Ort, das weiß man schnell. Mitten hindurch streift Mutter Mary, ruhelos und bebend. Verlassen und einsam ist sie von Anfang an. Ihr Leben ist ihr längst entglitten, Tabletten und Mutterliebe ihre Flucht. Dem Jüngsten zupft sie minutenlang den Pullunder gerade, streicht ihm begehrlich oft durchs Haar, küsst und umarmt ihn fest. Mit schnellen Ohrfeigen wehrt sich dieser, geht ab und lässt sie allein. Sowieso soll ausgerechnet Mutters Liebling fort: Edmund hustet schwer und muss auf Kur, ins Sanatorium.

Von Whiskey und Hass, von Liebe, Leere und Schuldgefühlen erzählt der lange Tag im Leben der Familie Tyrone. Ein Tag, der nicht zu enden scheint. Einer, der mit einem Sonnenstrahl beginnt und im dichten Nebel endet. Michael Thalheimers Weg durch die Familienhölle ist unentschieden: Figurenpsychologie wechselt mit Radikalität, Frontaltheater mit Gruppenbild am Tisch, wuchtige, synthetisch-pathetische Streicher (Musik: Bert Wrede) illustrieren das Melodram.

Erst als Mary das Hausmädchen Cathleen (Anna Blomeier) zum Zuhören zwingt. Als sie vor ihr auf Knien winselt. Von ihrer Vergangenheit und ihren ungelebten Träumen spricht. Als Anna Blomeier verlegen in die Luft guckt und sich still am Stuhl festhält, da entsteht der erste berührende Moment. Einer, der mehr Verzweiflung erzählt als der gesamte Abend. Und also einer, der die recht diffuse Inszenierung doch unvergesslich macht.

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