Kultur : Bis wir uns wiedersehn

Sie war der Lieblingsstar der Deutschen. An ihrer Glut wärmten sie sich. Zum Tod von Maria Schell

Christian Schröder

Wahrscheinlich hat Deutschland seine Stars niemals so sehr geliebt wie in den Fünfzigerjahren. Es war die Pubertät der Republik, die Verehrung der Filmidole trug die Züge einer Hysterie. „Da half keine Absperrung mehr, kein geradezu heldenhafter Einsatz der Saaldiener, die Masse schloss sich um die Preisträger“, berichtete ein Blatt über die Bambi-Verleihung 1956. „Eine Batterie Scheinwerfer knallte auf die Bühne, Blitzlichter einer kriegsstarken Kompanie von Pressefotografen zuckten.“ Der militärische Jargon ist verräterisch, die Erinnerung an Krieg und verdrängte Schuld hatte sich in der Sprache festgesetzt.

Im Mittelpunkt des Überschwangs: Maria Schell. Die Schauspielerin bekam 1956 ihren fünften von insgesamt acht Bambis, ausgerechnet für „Die Ratten“, ein hartes Melodram, mit dem Regisseur Robert Siodmak den wilhelminischen Naturalismus von Gerhart Hauptmann in das Berlin der Nachkriegsgegenwart transportiert hatte. Schell spielte das Mädchen Pauline, ungeschminkt und, wie sie selber klagte, mit den „hässlichsten Dauerwellen“, in ihren Augen lag kein Glanz, sondern absolute Verlorenheit und unendliche Liebessehnsucht. In ihrer Darstellung ging Schell stets an Grenzen, sie stülpte ihr Innerstes nach außen, kein Gefühl war groß genug, um nicht durchlitten zu werden.

Dafür wurde sie schon bald „Seelchen“ genannt, eine Zuschreibung, unter der die in Österreich geborene Schweizerin litt. Doch die Deutschen liebten Schell, an der Glut dieser Schauspielerin konnten sie sich wärmen. Über die Vergabe der Bambis entschieden anfangs noch die Leser der Zeitschrift „Film-Revue“, die Wahlverfahren glichen Volksabstimmungen, an denen sich bis zu 65000 Leser beteiligten. Sogar Romy Schneider, bereits selbst ein Star, notierte 1956 in ihrem Tagebuch: „Ich will eine gute Schauspielerin werden wie Maria Schell.“

„Niemand weint so schön und schnell / Wie im Film Maria Schell.“ Den Zweizeiler soll sie selbst gereimt haben. Der „Spiegel“ registrierte anerkennend: „Die Potenz ihrer Tränendrüsen ist enorm, und noch bei der zwanzigsten Wiederholung eines Ausbruchs weicht die Stimmlage kaum einen Grad von der ersten Aufnahme ab.“ Schell war eine präzise und äußerst disziplinierte Schauspielerin, das ist die Grundlage ihres Erfolgs. Nach ihrem Durchbruch mit der Kriegsromanze „Es kommt ein Tag“ 1950 dreht sie bis 1963 in rascher Folge 28 Filme, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, England, Italien und Amerika. Im Sommer 1955 steht sie von neun Uhr früh bis drei Uhr nachmittags für die Zola-Verfilmung „Gervaise“ vor der Kamera und abends bei den Salzburger Festspielen in „Kabale und Liebe“ auf der Bühne. Zum Schlafen hat sie nur im Flugzeug Zeit. Für den Film „Solange du da bist“ spielt Schell eine Szene, in der ihr Ballkleid Feuer fängt. Sie trägt einen Asbest-Schutz unter dem Kostüm und harrt so lange aus, bis sie die Flammen über ihrer Schulter spürt. Ob sie denn keine Angst gehabt habe, fragt später ein Reporter. „Ja sicher“, antwortet sie. „Aber der Ehrgeiz war größer.“

Margarete Schell, in ihrer Kindheit „Gritli“ genannt, wurde 1926 in Wien geboren, ihre Mutter war Schauspielerin, der Vater ein mäßig erfolgreicher Dramatiker. Mit 16 dreht sie in der Schweiz ihren ersten Film, sie geht mit Albert Bassermann als „Gretchen“ im „Faust“ auf Europatournee und wird von dem Produzenten Alexander Korda für das Remake von „Der Engel mit der Posaune“ nach London geholt. Das Rührstück „Dr. Holl“, in dem sie neben Dieter Borsche spielt, wird mit sechs Millionen Zuschauern der größte deutsche Erfolg des Kinojahrs 1951. Schell fürchtet, auf ein Image festgelegt zu werden. Sie verlangt Einfluss auf die Drehbuchgestaltung künftiger Projekte, will nie wieder in einem Arztfilm und mit Borsche – mit dem sie eine kurze Affäre hatte – auftreten. Stattdessen wird sie mit O. W. Fischer zu einem neuen „Traumpaar“ zusammengespannt, ihre Filme heißen „Bis wir uns wiederseh’n“, „Der träumende Mund“ oder „Tagebuch einer Verliebten“.

„Okay for me, but can she act?“, fragte der Regisseur Richard Brooks, als ihm 1957 Maria Schell vorgestellt wurde. Eigentlich hatte Marilyn Monroe der weibliche Star seiner Verfilmung der „Brüder Karamasow“ sein sollen, nun bekam diese Europäerin die Rolle, die in Cannes für „Die letzte Brücke“ und in Venedig für „Gervais“ mit Darstellerpreisen ausgezeichnet worden war. Schell kann spielen, das beweist sie auch in Amerika, in den Western „Der Galgenbaum“ (mit Gary Cooper) und „Cimarron“ (mit Glenn Ford) und im Thriller „Gebrandmarkt“ (mit Rod Steiger). Hollywood bleibt eine Episode, an die sich Schell später eher ungern erinnerte: „Ich schneckelte meine Haare und strebte nach einer Wespentaille. Friseur wurde wichtiger als die Arbeit an der Rolle.“

Auch das Privatleben der Schauspielerin glich einem Melodram. Zwei Ehen, mit Regisseur Horst Hächler und Schauspieler Veit Relin, scheiterten. 1991 machte ein Selbstmordversuch Schlagzeilen. Nachdem sie zuletzt vor allem in TV-Serien zu sehen war, zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück. Auf einer Alm in der Kärtner Alpen saß sie gebannt vor dem Fernseher, schaute noch einmal ihre alten Filme. So hat Maximilian Schell sie in seiner Dokumentation „Meine Schwester Maria“ (2001) porträtiert. Am Dienstag ist Maria Schell im Alter von 79 Jahren in ihrem Almhaus an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben.

Maria Schell kam am 15. Januar 1926 als Tochter des Schweizer Schriftstellers Hermann Ferdinand Schell und der österreichischen Schauspielerin Margarete Noé von Nordberg in Wien zur Welt. Auch ihre Geschwister Maximilian , Carl und Immy wurden Schauspieler.

Mit O. W. Fischer drehte Schell fünf Filme, darunter „Das Riesenrad“ (1961, Foto). Für „Die letzte Brücke“ wurde sie 1955 in Cannes mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet. Ab 1957 arbeitete Schell auch in Hollywood, spielte an der Seite von Yul Brynner , Gary Cooper und Marlon Brando . Späte Filme wie „Change“ (1974, Foto) floppten, Erfolge feierte Schell hingegen mit TV-Serien wie „ Eine glückliche Familie “ (1987–1990).

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