Kultur : Bis zum Fußboden

Die Wohnlandschaft „Lava“ von Studio Vertijet nutzt alle Sitzebenen

Rolf Brockschmidt

Was ist es nun, ein Möbel, eine Skulptur oder beides? „Lava“ ist ein Objekt, das einem vertraut vorkommt, erinnert es doch an die ausladenden Wohnlandschaften der siebziger Jahre, die entweder über Eck gebaut wurden oder auch Wohninseln im Raum bildeten. Aber dennoch waren diese Wohnlandschaften bei aller proklamierten Unkonventionalität des Sitzens und Liegens doch letztendlich konventionell, weil sie sich auf eine Ebene beschränkten, nämlich die Sitzfläche. Natürlich war es auch schick, auf dem Boden zu sitzen, aber dafür boten die Wohnlandschaften nichts an.

Studio Vertijet hat nun nach mehrjähriger Entwicklungszeit eine völlig neuartige Wohnlandschaft vorgestellt, die einen ob ihrer organischen Formen als eine Ansammlung von unterschiedlichen Knetwürsten erinnert. Kirsten Hoppert und Steffen Kroll, die 1998 ihr Label Studio Vertijet in Halle gegründet haben, nennen ihr Objekt für COR ein „SitzLiegeLounge-Möbel“ – und dazu passt auch der Name „Lava“, amorph, organisch, fließend. Und so sind auch die Übergänge. An sich besteht „Lava“ aus den klassischen Elementen wie Korpus zum Sitzen und Rückenlehne. Beide sind im Querschnitt rund geformt, die Sitzfläche gibt es auch in einer seitlich leicht angehobenen Variante, was ein lässiges Kopfteil ergibt.

Der Clou sind die Elemente, die das Sitzen oder Liegen fließend Richtung Fußboden verlagern. So gibt es eine Auflage, die auf der Sitzfläche aufliegt und sich dann auf den Fußboden erstreckt, ganz so, als ob sich ein Lavastrom aus dem Sofa heraus auf den Boden ergießen würde. Damit nicht genug. An dieser Lavawurst, die senkrecht zum Möbel verläuft, lässt sich mit Hilfe von Reißverschlüssen eine bequeme gepolsterte Decke befestigen, so dass auch die Bodenfläche noch Bequemlichkeit und Wärme ausstrahlt. Fast überflüssig zu sagen, dass die Anordnung dieser Elemente nicht einer starren Vorgabe folgt, sondern wie heute zu erwarten ist, sich auf unterschiedliche Weise variieren und kombinieren lässt.

Wer sich „Lava“ nähert und ein wenig Beweglichkeit mitbringt, den verführt das Objekt zu mehr als reinem Sitzen. Vielfältige Formen des Liegens und Abstützens sind möglich und Kinder werden diese Kletterlandschaft mögen.

Für ihr Projekt haben die Innenarchitektin Kirsten Hoppert und der Produktdesigner Steffen Kroll einen Prototypen aus Styropor 1:1 gebaut, da handwerkliches Können und handwerkliche Verarbeitung ihnen wichtig sind. „Der Prozess ,klick’ – auf dem Bildschirm – ’klick’ verläuft eben anders, als der vom Gehirn in die Hand und in den Werkstoff“, haben sie dazu gesagt. Dass es für diese anspruchsvollen Formen nur besondere Materialien und Verarbeitungsmethoden gibt, verstehst sich.

Studio Vertijet hat mit „Lava“ ein ehrgeiziges Produkt auf den Markt gebracht, aber ihre Palette zeigt, dass sie nicht auf Möbel festgelegt sind. Sie entwerfen auch Salatbestecke, Armaturen, Handtaschen und Schuhe. Man muss sich den Namen dieses Designerduos für die Zukunft merken. Rolf Brockschmidt

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