Kultur : Bis zum letzten Gast

Wie sich eine Videoinstallation in eine Weddinger Eckkneipe verirrt

Birgit Rieger

Als Erstes hört man Rosi. „Komme!“, ruft sie von irgendwo hinter der Glastür, und dann taucht sie auf mit Jeans und blondem Pferdeschwanz, kommt aus der Küche oder einem anderen Wirtschaftsraum im hinteren Teil der Gaststätte. „Irgendetwas ist immer zu tun“, sagt sie. Auch, wenn momentan kein Gast da ist. Buletten machen zum Beispiel.

Für den Berliner Fotografen und Filmemacher Martin Mlecko und den Kurator Wolfgang Schöddert ist das „Euler-Eck“ ein Glückstreffer. Drei Tage lang sind sie im Wedding herumspaziert, haben Straßen abgesucht und sich in Kneipen gesetzt. Nach Neukölln sind sie gar nicht erst gegangen. Zu viele Ausländer. Auch Friedrichshain kam nicht in Frage. Zu viele Szene-Läden. Wedding sollte es sein, ein Arbeiterviertel mit deutscher Spießigkeit und gemusterten Gardinen. Ein Ort, abseits der Hauptstraßen, wo nicht viel ist und niemand hin will. Ein No-Go für Kunstinteressierte.

Rosi teilt sich die Arbeit in der Kneipe mit ihrem Mann Hubert, den alle Tommi nennen. Das kommt vom Nachnamen: Thom – wie der Fußballer. Sie arbeitet tagsüber, er kommt am Abend und bleibt „bis zum letzten Gast“. Im Schankraum, wo freitags nach dem Training die Fußballer des NNW98 auf die Pauke hauen, hat Martin Mlecko zwei seiner fünf digitalen Arbeiten aufgebaut. Rosi und Tommi wollten nicht, dass im Flur neben den Toiletten Flachbildschirme an die neu verputze Wand geschraubt werden. Deshalb steht jetzt ein Fernsehapparat auf dem Spielautomat gleich neben dem Eingang, der zweite schräg gegenüber auf einem Kühlschrank neben dem Tresen. „Die Zwei lernen sich kennen“, erklärt Rosi. Eine blondes Mädchen und ein junger Kerl flirten quer durch den Raum. Sie auf dem einen Bildschirm, er auf dem anderen. Sie lächeln sich an, sehen sich in die Augen, grinsen. Dazu kommt ein wohl bekanntes Repertoire an Verlegenheitsgesten. Haare hochheben, Hände aufstützen, Augenbrauen hochziehen. „Loving“ heißt das Werk (2002). Genau zwischen den Fernsehern steht der Stammtisch. Zwei Zigarettenlängen schon sitzt hier Silvia Hoffmann, die für die nächste Woche eine Avon-Präsentation im Euler-Eck plant. Zusammen mit Rosi bildet sie nun die natürliche Kulisse für die Begegnung der beiden Verliebten. Im Radio dudelt Antenne Brandenburg.

Ungewöhnliche Ausstellungsorte sind für Martin Mlecko und Wolfgang Schöddert Programm. 1990 starteten sie ihre Zusammenarbeit mit einem Projekt in einer stillgelegten Zeche in Moers. Zusammen mit Künstlern wie Tony Cragg und Olaf Metzel stellten sie in der Waschschleuse der Kumpel aus. „Ein großer Erfolg“, sagt Mlecko bei einem Besuch in seinem Atelier in Berlin-Mitte. Aus einer Ablage fischt er einen kleinen Notizblock. Der Wachmann in Moers hat darin für jeden Besucher einen Bleistiftstrich gemacht. „Dafür sind bei der Eröffnung zu ,Paternoster’ nur drei Leute aufgekreuzt.“ Im Kölner Hansa Hochhaus erklärte Mlecko einen Paternoster-Fahrstuhl zum Kunstwerk, indem er einen kleinen unscheinbaren Zettel anbrachte.

Die Ausstellung im Euler-Eck folgt demselben Prinzip: Das kunstinteressierte Publikum soll an einen Ort geführt werden, den es normalerweise ignoriert; die Installationen entfalten ihre Wirkung erst durch die Verquickung mit dem Raum. Im holzvertäfelten Hinterzimmer wird vom lächelnden Wonneproppen bis zur goldenen Hochzeit ein komplettes Familienleben an die Wand projiziert. Der romantische Dokumentarist Mlecko digitalisierte 751 Dias, die ein Bekannter in einem Koffer auf dem Flohmarkt gefunden hatte. „Jeder hat solche Bilder zu Hause“, sagt er. In der Atmosphäre des Eulerschen Hinterzimmers, zwischen hunderten von Vereinspokalen, kleinen Tischdeckchen und grobgewebten Gardinen werden sie zu Ikonen der Heimat.

Eigentlich haben die Menschen im Wedding andere Probleme. Laut Sozialstatistik ist in dem Stadtteil jeder Vierte arbeitslos. Die Zahl der Ausländer steigt. „Multikulti funktioniert hier nicht“, sagt Silvia am Stammtisch, und Rosi berichtet von Jugendgangs, die Knaller ins Fenster werfen . Richtig unternehmen kann man da nichts. Statt eines Einkaufsladens, eröffnet um die Ecke bald ein Puff, und im Euler-Eck bleiben die Gäste weg. „Die haben alle kein Geld mehr“, seufzt Rosi. Nächste Woche will ein Freund von Mlecko im Euler-Eck Geburtstag feiern. Mit 100 Gästen. Das ist willkommener Umsatz für Rosi und Tommi. Und unter den Gästen sind bestimmt wieder ein paar, die anfangen von ihrer Familie zu erzählen, weil sie sich plötzlich wohl fühlen in dieser Umgebung, die wie ein fremder Planet ist.

Bis 17. Dezember, Di–So, ab 10 Uhr, Wedding, Eulerstraße 18.

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