Kultur : Biss auf die Knochen

Blut aus der Konserve: Sebastian Baumgarten inszeniert Händels „Orest“ an Berlins Komischer Oper

Christine Lemke-Matwey

Liebe Barockopernfreunde, Sie wissen schon: Das gewalttätige, blutige, für manch einen geschmacklose und provozierende Theater ist derzeit heftig in der Diskussion. Der Regisseur Sebastian Baumgarten hat an der Komischen Oper nun auch in Händels Pasticcio „Orest“ alles Fragmentarische dieser Welt entdeckt, das Bruchstückhafte unseres Lebens, mit kühner Verzweiflung angefasst und dem Stück jedes Wort einzeln im Halse herumgedreht. Eine Parabel im Kleid des guten alten Postkommunismus über Fremdenangst, Gewalt, verlorene Utopien, falsche Opfer, Krieg, Revolution – und Liebe. Ja, auch Liebe, wenigstens ein bisschen, kurz vor Schluss. In so einem Mythos ist eben alles drin: Oper. Und noch mehr Theater.

Anders formuliert: Haben sich einzelne Ausreißer der Opernregie – von der ja gern behauptet wird, sie gehorche eigenen Gesetzen und sei ästhetisch mindestens 10, 15 Jahre im Verzug – also längst mit den einschlägigen Tendenzen im Schauspiel solidarisiert? Ist die Castorfisierung, die Polleschisierung des Musiktheaters unterm Deckmäntelchen der Chéreaus, Bondys, Grübers und Steins bereits viel weiter fortgeschritten, als wir denken? Und: Wäre das gut oder schlecht, letzte Rettung oder Gnadenstoß in der stets mehr behaupteten als vollzogenen Entgrenzung aller Mittel? Ja, bedeutet diese denn wirklich noch: Provokation?

Die Ingredienzien, zunächst, lassen viel Wut vermuten und eine Art Pawlowschen Reflex. Auch bei Baumgarten nämlich werden dicke Blutsuppen gekocht (und geschlürft), junge Männer – ritsch, ratsch – skalpiert und in guantanamofarbene T-Shirts gesteckt, Äxte geschwungen, Hälse zum alsbaldigen Geköpftwerden gereckt und Tyrannen lebendig begraben. Orest selbst, der Muttermörder und Anti-Held der Geschichte, frisst beständig irgendwelche Pillen (gegen den Atriden-Fluch? gegen die allgegenwärtige gesellschaftliche Erosion?). Iphigenie, Scharfrichterin im Dienste der Artemis auf der Insel Tauris und seine totgeglaubte Schwester, kratzt sich die Unterarme blutig, während Hermione wiederum, die Geliebte des Orest und bestrebt, diesen vor dem sicheren Tod zu retten, schon mal gezielt aus der Rolle fällt. Kaputte Typen allesamt, ein auf den ersten Blick fast klamottiges, ja obszönes Déjà-vu.

Ansonsten viel Video (zwischen sowjetischer Platte, Artemis‘ Hexenküche und hitchcockartigen Vogelschwärmen ästhetisch sicher: Stefan Bischoff), einige wirkungsvolle Live-Acts à la Lars von Trier mit der Handkamera, eine Bühne, die in ihrer Blöße – eine Tür auf Rollen, ein paar plexigläserne Vitrinen, ein Schaufenster für die Gefangenen – den Charme eines aufgelassenen Hörspielstudios besitzt (Robert und Ronald Lippok), und Figuren, die den Ort des Geschehens so gut wie nie verlassen. Der Mythos, der sich bei Händel und seinem Librettisten Giovanni Gualberto Barlocci vergleichsweise verständlich liest, wirft sich so zu einem schier uneinnehmbaren medialen Rätselgebirge auf.

Wo die Lebensgefahr des Orest erzählt werden soll, der Wahnsinn, der in seinem Hirn wütet und dass so etwas wie Schwesternliebe, wie Familie am Ende angeblich immer stärker ist als jede Weltanschauung, da verstrickt sich Baumgarten mutwillig in tausend lose Diskursfäden. Hier etwas Giorgio Agamben, dort Kluge und Bataille, mal in die Musik hineingeraunt, mal -geflüstert – schon ist vor lauter Konzepttheater, vor lauter Überbau auf der Bühne kein Mensch mehr zu sehen. Und das stört, das verstört nachhaltig. Vielleicht pappt Händel hier tatsächlich bloß einen seiner vielen konventionellen Jubelschlüsse auf die „Pastete“; vielleicht zeigt Baumgarten mit Recht eine Welt, in der die Liebe längst verloren hat. Nur: Will man das glauben, darf man das glauben? Und: Wenn es denn nur diese eine einzige Realität vor unseren Augen, zu unseren Füßen, auf unseren Bildschirmen und Bühnen gibt, wozu wird dann überhaupt noch gesungen?

Merkwürdige Beobachtung: Die durchwegs erstklassigen, hoch konzentrierten Darsteller mögen sich an diesem Abend die Seele aus dem Leib speihen, sie mögen dadurch, dass das Orchester auf der Hinterbühne platziert ist, so nah dran sein am Saal wie nie: Gleichzeitig bleiben sie doch entsetzlich unnahbar und fern. Bei Künstlern, bei Sängern wie Charlotte Hellekant und Maria Bengtsson als existenziell glaubhaftem Geschwisterpaar Orest/Iphigenie, bei Valentina Farcas als liebreizend-zickiger Hermione, Finnur Bjarnason als gepeinigtem Pylades, James Creswell als Thoas, dem Tyrannen, Maria Streijffert als Philoktet und Carolin Mylord als Artemis ist das schon ein Kunststück für sich. Und soll es wohl auch sein.

Desillusionierung lautet hier das Zauberwort: Misstraue allem nur Schönen, schau hin, wie‘s gemacht wird. Prompt will sich außer Pylades‘ endlos melancholischer Da-CapoArie „Ich muss sterben“ und dem Duett Orest-Hermione kaum eine Musik tiefer ins Gedächtnis eingraben. Die Barockoper in ihrer ganzen Flüchtigkeit, ihrer spielerischen vanitas beim Wort genommen? Dekonstruieren, was das Zeug hält und die Postmoderne mit Brecht immer gern verspricht?

Thomas Hengelbrock (ebenso wie Maria Bengtsson mit Fieber angesagt) und das Orchester der Komischen Oper lassen sich mit Haut und Haar auf dieses Regiekonzept ein, bedienen sich einer eher rauen, ja ruppigen Tongebung und flotter Tempi, ein wenig zu fleischlos fast, als flüchteten sie von Nummer zu Nummer. Erstaunlich aber, zu welcher rhetorischen Flexibilität ein „normal“ geschulter Klangkörper finden kann. Hübsch auratisch – Tauris liegt an diesem Abend nun einmal auf der Krim – auch die Besetzung der Rezitative mit Balalaika und Akkordeon (Olaf Opitz, Juri Tarasenók).

Baumgarten indes wäre nicht Baumgarten und an Berghaus, an Konwitschny geschult, wenn es ihm mit dieser Arbeit tatsächlich um Oper ginge. Sein Begriff von Theater ist seit jeher weiter gefasst, spartenunabhängig, flüssiger. Der Regisseur als Autor, vielleicht die letzte echte Provokation. Mit Händel hat Baumgarten hier – bei aller Willkür, allem Unbehagen – eine Tür aufgestoßen. Nicht mehr, nicht weniger. Die Zeit der lustig-naiven Engländer à la Nigel Lowery scheint damit besiegelt. Jetzt tanzt das Ensemble mit blutigen Knöchlein um Thoas‘ Sarg, und der Zuschauer erschrickt bei dem Gedanken, dass auch dies nur mehr ein Zitat ist – ein augenzwinkerndes, mit etwas Glück. Demnächst wechselt Sebastian Baumgarten als Hausregisseur ans Düsseldorfer Schauspielhaus. Und das Musiktheater, es wird ihn weiter suchen. Ganz bestimmt.

Wieder am 5., 8., 17. und 19. März, jeweils 19 Uhr

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