Kultur : Biss in die Hand

Der Kritiker als Kurator: ein Experiment in Berlin

Peter Herbstreuth

In der Regel werden Ausstellungen von Kollegen verschwiegen, verrisssen oder verlogen gelobt. Doch der Kunstkritiker Knut Ebeling hat jetzt in Kooperation mit dem Künstler Kai Schiemenz im Neuen Berliner Kunstverein eine Leuchtrakete der Kunst und Kritik aufsteigen lassen. Beide legen ihre Werkabsichten in die Destruktion dessen,was sie konstruiert haben. Sie glauben, sie hätten durch eine Art bejahende Verneinung fast alles im Griff, wären die Meister reflexiver Selbstermächtigung und daher unangreifbar. Diese prekäre Prämisse führt zu ungetrübten Einsichten sowohl im Ausstellungsraum und als auch im hervorragenden Begleitbuch. Die Kooperation präsentiert einen neuen Ausstellungstyp: rigorose Selbstbefragung des eigenen Tuns im Glashaus.

Knut Ebeling startet die neue Reihe, die unter dem Label „critic’s choice“ jedes Jahr einen Kunstkritiker einlädt, eine Ausstellung zu erfinden. Bislang blieb dieses Privileg Kuratoren vorbehalten, die unter dem Titel „Ortsbegehung“ drei junge Berliner Künstler vorstellen. Der Unterschied zwischen den Kuratoren-Ausstellungen und Ebelings Ansatz fällt sofort ins Auge. Während die Kuratoren Künstler ins Rennen schicken und unbefragt lassen, was sie tun, kritisiert Ebeling die Bedingungen. Er beißt in die Hand, die ihn nährt. „Critic’s choice“, so Ebeling, würde „die Existenz der Kunstkritik, die Existenz einer choice und die Existenz eines ausgewählten Objekts unterstellen – drei Annahmen, die bestreitbarer sind als je zuvor.“

Den skeptischen Blick auf Rolle, Wahlfreiheit und Wirklichkeit findet er in Schiemenz’ Zeichnungen, Wortkombinationen und architekturalen Modellen. Doch wenn alles bestreitbar ist, greift man zu Marcel Duchamps Zauberstab „Gegeben sei“, und alles wird möglich. „Wenn Gerhard Merz Martin Scorcese trifft, sprechen sie über Thor, Achill und Cowboys,“ heißt es bei Schiemenz’ Soloschau surrealer Romanzen. Gegeben seien in einer Sprechblase „Four Colors. Four Words“ und als Verneigung vor Lawrence Weiner oder Calvin Klein: „What if. Could be.“ Plötzlich taucht Robert de Niro auf und verschwindet in einer Traumfalte.

Schiemenz setzt Sprachsignale, Bild- und Redesplitter in ein provisorisches Ambiente und bietet mit dem Modell eines Stadions ein Forum zwischen Anschauung und Nutzung. Künstler und Kritiker treffen sich auf dem brüchigen Boden der Ungläubigen. Sie halten alles für konstruiert und artifiziell. Dieser Einstellung entspringen starke Sätze über ihre Schwäche. „Weil die Kritik ihre Herrschaft nicht ausübt, sondern ausmerzt, weil sie sich ständig integriert – weil Kritik das ist, was sich nicht institutionalisiert, sondern ruiniert, sieht sie manchmal aus wie ein Gebrechen oder ein Geschwür,“ schreibt Ebeling im Katalog. Man könnte mit alltäglicher Praxis entgegnen. Doch Theorie und Praxis stehen in keinem Konkurrenzverhältnis, sondern sind alternative Vorgehensweisen, die sich seriös nicht gegeneinander ausspielen lassen.

NBK, Chausseestr. 128/129, bis 21. Dezember, Di– Fr 12–18 Uhr, Sa. bis 16 Uhr. Katalog 15 €. – „Project’s Talk“ über Projekte zwischen Kunst und Kritik, heute 19 Uhr.

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