Kultur : Bissfest

Hartmut Wewetzer

Der Berliner Journalist Hannes Stein hat mit seiner „Enzyklopädie der Alltagsqualen“ ein kurzweiliges Trostbuch geschrieben. In den meist nur zwei bis drei Seiten langen Betrachtungen geht es ums Älterwerden, um Denglisch, Hitler, Pop-ups, Sonntagnachmittage, Warteschleifen am Telefon und etliche andere Dinge, die uns das Leben vermiesen können.

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Am schönsten sind Steins Anfänge: „Alle hassen die Deutsche Bahn – das ist indessen kein Grund, es nicht selber auch zu tun.“ Über den Bestsellerautor Dan Brown schreibt er: „Seine Prosa ist platt wie ein Fahrradschlauch, der Bekanntschaft mit einer Flaschenscherbe geschlossen hat ... seine Plots wurden im Windkanal getestet, ob sie auch haarsträubend genug sind.“ Kurz und treffend ist Steins Abrechnung mit der „Alltagsqual“ Michel Foucault. Um die Theorie des französischen Philosophen zu beschreiben, braucht er nur neun Worte: „Fortschritt ist Beschiss, Humanität ist Schwindelei, Aufklärung ist Unterdrückung.“ Weniger geglückt dagegen der Versuch, den amerikanischen Filmemacher Michael Moore („Fahrenheit 9/11“) zu entlarven. Stein lästert über Moores Bierbauch und seine „unmöglichen Klamotten“, aber er sollte bessere Argumente sprechen lassen.

Der Sport der Balltreter bekommt ebenfalls sein Fett weg. „Mitten im Leben sind wir von Fußball umfangen“, klagt der Autor, im Jahr der WM sind das schon fast mutige Worte. Nein, Hannes Stein ist kein Mann der leisen Töne. Auch für den deutschen Gutmenschen hat er nur Spott übrig. Stein genießt es, politisch unkorrekt zu sein und zu provozieren. Wem das nicht gefällt, der sollte eher zu Büchern von Max Goldt oder Harald Martenstein greifen. Die sind netter, subtiler, witziger. Bissiger ist Stein.

Hannes Stein: Enzyklopädie der Alltagsqualen. Eichborn Berlin, Berlin. 291 Seiten, 16,90 €.

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