Kultur : Bitte etwas Schinkel

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Die Geschwindigkeit der Urbanisierung Chinas ist Schwindel erregend. Obwohl viele westliche Planer für die damit verbundenen Probleme nicht die richtigen Antworten haben, ist China neugierig auf deren Konzepte. Die Liebe beruht auf Gegenseitigkeit. Tempo und Dimension der Projekte sind beängstigend. Häufig werden die Ideen westlicher Entwerfer in China allerdings schon geklont, bevor die erste Honorarzahlung erfolgt ist.

Deutsche Architekten waren bisher beim Run auf den Zukunftsmarkt China unterrepräsentiert. Eines der größten deutschen Architekturbüros, von Gerkan Marg und Partner (gmp) aus Hamburg, hat vor zwei Jahren Mut gefasst und erste Erfolge im Reich der Mitte zum Anlass genommen, dort eine eigene Filiale zu eröffnen. Es ist bisher das einzige deutsche Büro, das diesen Schritt wagt.

Anlässlich des derzeit in Berlin stattfindenden Welt-Architekturkongresses stellen gmp nun in einer – leider schlecht kommentierten – Ausstellung ihre Projekte in China vor, auch das eine begrüßenswerte Premiere in der deutschen Architekturlandschaft. Fotos und vor allem Pläne hängen wie chinesische Rollbilder rings um das Atrium der Dresdner Bank am Pariser Platz, übrigens gleichfalls von gmp entworfen. Der Erfolg gibt gmp zunächst recht: Das Büro konnte bereits mehrere Dutzend Planungsaufträge an Land ziehen, teils von enormen Maßen. In Luchao bei Shanghai plant das Büro eine komplette Neustadt für 300 000 Einwohner rings um einen kreisrunden See. Nicht weniger ambitioniert ist der Plan, rund um das chinesische VW-Werk in Anting wie einst in Wolfsburg eine komplette „Deutsche Stadt“ zu bauen. Anhand dieses Projektes werden allerdings auch die Probleme deutlich, denen deutsche Architekten in China begegnen: Für die Bauten wünschten sich die Bauherren „Schinkel-Stil“, um ein vordergründig „typisch deutsches“ Bild einer Stadt zu erschaffen. Dass gmp die Prinzipien des preußischen Baumeisters nicht als Dekoration, sondern abstrakt in zeitgenössische Gebäude übersetzen wollte, gefiel dem Bauherrn gar nicht. Die Pläne blieben im Ungefähren.

Die Konferenz- und Messezentren in Nanning und Shenzhen von gmp sind hingegen bereits im Bau. Ersteres ähnelt verblüffend dem gefalteten Dach des neuen Tempodroms, das gmp in Berlin entworfen hat.

Wenn westliche Architekten die Gelegenheit bekommen, ein konkretes Projekt zu realisieren, und klug genug sind, sich auch die künstlerische Oberleitung vertraglich zusichern und auch honorieren zu lassen, finden sie es häufig schwierig, die Qualität am Bau, für die ihr steht, auch wirklich durchzusetzen. Oft gelingt dies nur mit Abstrichen oder mit dem massiven Import westlicher Bauteile. Das gilt auch für die Deutsche Schule in Peking, das erste und einzige bisher fertig gestellte Projekt von gmp in China. Sie wurde für einen deutschen Bauherrn geplant, bei dem man mehr Sinn für die strenge Überdachung von ästhetischen wie baulichen Standards voraussetzen darf. Ob es gmp gelingt, auch bei chinesischen Bauherren Weltklasse-Architektur zu produzieren, bleibt noch zu erweisen.

Seine Zukunft in China sieht gmp besonders im Bau großer Hallen. Für die bevorstehende Olympiade in Peking dürfte genügend Bedarf vorhanden sein. Ulf Meyer

Bis 27. Juli, Pariser Platz 6 (Dresdner Bank), 10 – 18 Uhr (für UIA-Teilnehmer bis 20 Uhr).

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