Kultur : Bitte, Herr Briefträger!

Christiane Rösinger

kennt den fünften Beatle Im Erinnerungsgeschäft herrscht oft Routine. Jubiläen sind aber gerade im vergesslichen Pop außerordentlich wichtig, weil sie Geschichte produzieren. Und manchmal gibt es geradezu unheimliche Koinzidenzen der sich jährenden Ereignisse. Fast auf den Tag genau vor vierzig Jahren veröffentlichten die Beatles ihre Platte „A Hard Days Night“. Und vor fast genau dreißig Jahren entdeckte der Berliner Kerzenwachszieher Klaus Beyer in der Radiosendung „Schlager der Woche“ seine Liebe zu den Beatles.

Weil seine Mutter die Songs nicht verstehen konnte, griff Klaus Beyer zum Wörterbuch und übertrug sie ins Deutsche.

Seine liebevollen Übersetzungen lassen die altbekannten Songs in neuem Licht erstrahlen. In „Laß es sein“, „Ich hab Gefühle“ oder „Hauptmann Pfeffers einsamer Herzenclub“ wurde den altbekannten Songs eine neue philosophische Dimension gegeben. Doch Beyer wollte die Lieder nicht nur übersetzen, sondern auch interpretieren. Mit einer antiken Bandmaschine schnitt er die Instrumentalstellen der Beatlessongs zusammen und kopierte sie so oft hintereinander, bis die Originallänge des Stückes erreicht war. So konnte er seine Texte zur alten Musik singen. Als er 1985 die Lieder der Öffentlichkeit vorstellte war die Legende vom „Fünften Beatle“ geboren.

Noch ein anderes Medium hatte es Beyer angetan. Mit einer Super-8-Kamera drehte er zunächst stumme Sketche vor der Blumentapete seiner Mutter. Bald schon stellte er sich aber größeren Herausforderungen. Sämtliche Beatles-Alben wollten verfilmt werden. Bei den Dreharbeiten zu „Come together now“ versammelte er die ganze Familie um den Kaffeetisch. Stoisch versuchten alle immer wieder die Worte „Alle zusammen“ synchron in die laufende Kamera zu sprechen. Seine Filme und Auftritte brachten Klaus Beyer bald die Prominenz einer Kultfigur ein. Seine Eigenkompositionen, Titel wie „Fleckenstift Eukrasit“, „Kreuzberger Frauen sind lang“ oder die „Ballade von Struppie“, stehen den Beatles-Songs an Originalität in nichts nach – im Gegenteil.

Das Filmen, Singen und Auftreten ist ihm seitdem eine Herzensangelegenheit, Klaus Beyer „performte“ schon mit Bands wie Mutter und „Die Sterne“ und Elektronikmusikern wie Joe Tabou. Nun erscheint zum Doppeljubiläum die CD „Ein harter Tag“. Zur Releaseparty am Samstag im Privatclub (20 Uhr, Pücklerstraße 34, Kreuzberg) zeigt er Filme und singt Lieder wie „Bitte Herr Postbote“ oder „Erdbeerfeld für immer“. Glückliche Menschen werden sich an den Händen halten und „Wir sind im gelben Unterwasserboot“ singen. So bestreitet Klaus Beyer ganz allein zwei Jubiläen, die für ihn irgendwie eins sind. Denn wie lautet sein Motto? „Ich bin vier Beatles.“

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