Kultur : Bitte leise blättern!

NAME

Frederik Hanssen über die feine englische Art im Konzertsaal

Das Lamento ist so alt wie der Konzertbetrieb: Störende Geräusche entladen sich immer nur an den leisesten Stellen. Deshalb hat das kostenlose Hustenbonbon in Musikhallen, Festspielhäusern und Kammermusiksälen längst Tradition. Franz Xaver Ohnesorg, der neue Intendant der Berliner Philharmoniker und ein weit gereister Mann, brachte nach Berlin außerdem die Idee mit, die Gratis-Dragees in Spezialpapier eingewickelt auszugeben. Fazit nach einer Saison: Die durchschnittliche Knister-Phonstärke hat sich verringert. Noch ist das Berliner Publikum allerdings nicht bereit, den niemals vollkommen geräuschlosen Auspackvorgang in die vom Komponisten vorgesehenen Pausen zwischen den Sätzen zu verlegen.

Verglichen mit den Problemen, die Konzertveranstalter in Großbritannien umtreiben, sind das allerdings Peanuts: „Bitte denken Sie auch an die umsitzenden Besucher,“ ist beispielsweise in den Programmheften des Londoner Covent Garden Opera House zu lesen. „Wenn Sie während der Aufführung sprechen, mitsummen oder singen könnte dies den Genuss anderer stören.“ Oder dies: „Angesichts der architektonischen Gegebenheiten der Sitzanordnung bitten wir Sie, zurückgelehnt in den Sesseln Platz zu nehmen, da ein Sich-Vorlehnen die Sicht für hinter Ihnen Sitzende einschränken könnte.“ Die Hausordnung trägt hier übrigens den fast unübersetzbaren Titel: „Richtlinien, die sicherstellen sollen, dass jeder das Ereignis gleichermaßen genießen kann.“

Ausgerechnet im Heimatland der Höflichkeit scheinen die Konzerthäuser ganze Benimm-Abteilungen zu beschäftigen. Dabei demonstrieren die gespreizten Formulierungen (der Kunde heißt, weil er König ist, „patron“), dass man wenigstens auf Veranstalterseite die feine englische Art beherrscht.

In lauten, hektischen Metropolen wie London kann den Bewohnern leicht das Gefühl für Lautstärke durcheinander geraten. Also wird beim Liederabend in der Wigmore Hall dezent nachgeholfen: Dort, wo der Klassikfan beim Mitlesen der Dichtung im Programmheft ans Ende der Seite gelangt, fällt eine klein gedruckte Zeile ins Auge: „Fortsetzung umseitig. Bitte blättern Sie so leise wie möglich um.“ Dem Kritiker, der – entgegen anders lautenden Vorurteilen – auch lieber wie ein Philharmonie-Hustenbonbon wirkt (nämlich wohltuend), bleibt da nur eine Bitte an alle Notenverlage. Am Anfang einer jeden Partitur mögen sie bitte folgende Aufforderung einfügen: Die verehrten Musiker werden höflichst gebeten, unwiderstehlich schön zu spielen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben