Kultur : Bitte mach’ mir Angst

Jon Kessler füllt die Galerie Arndt und Partner mit einer Medien-Installation

Daniel Völzke

Zehn Jahre lang war Ruhe. Zehn Jahre lang wollte der Künstler Jon Kessler kein Künstler sein. Alle Räder standen still, kein Quietschen, Rasseln, Kreischen mehr. Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre baute der New Yorker Gedichtautomaten, die Wortbilder auffahren und wieder verschwinden ließen, Mechaniken, die Schattenspiele an die Wand warfen, und Musikboxen. Dann Sendepause. Doch seit drei Jahren ist Jon Kessler wieder da, und in seinem Gefolge sind neue Zeigemaschinen.

In Berlin beeindruckte erst kürzlich die ausufernde Installation „The Palace at 4 a.m.“ im Haus der Kulturen der Welt – als sensationellste Arbeit in der Gruppenschau „New York States Of Mind“ zur Wiedereröffnung des Gebäudes nach langer Sanierung. In diesem Parcours schloss Kessler seine Manipulierapparaturen mit Bildern vom Irak- und Medienkrieg kurz. Noch durchgedrehter als früher arbeiten Kessler-Maschinen ihr Verwirrprogramm ab. Offenbar ist etwas passiert in diesen zehn Jahren, offenbar ist auch dieses junge Jahrtausend durchgedrehter und verwirrter.

Betritt der Besucher das zweite Stockwerk der Galerie Arndt und Partner und damit „The Blue Period“ als jüngste kinetische Installation des 1957 geborenen Amerikaners, ist er sofort Teil einer Bild-Sound-Irrsinnproduzierfabrik. In dieser ersten Arbeit für die Galerie, die sich über drei Räume ausbreitet, fahren kleine Kameras auf und ab und flattern Bildschirme, auf denen Filmausschnitte und die von den Kameras gelieferten Echtzeitaufnahmen laufen.

Im Mittelraum bewegt sich ein Wald aus 2500 kleinen, flachen Köpfen. Die Gesichter, aus Versandhauskatalogen ausgeschnitten, schauen freundlich und interessiert, und auch die lebensgroßen Pappfiguren, die im Raum verteilt aufgestellt sind, blicken gelassen; es sind Studenten des Künstlers, der an der New Yorker Columbia-Universität lehrt. Fast wie Hohn kommen einem diese Pappkameraden vor, denn nun ist der Besucher selbst einer von ihnen, wird gefilmt, und sein Abbild flimmert auf den Bildschirmen, er steht da wie erstarrt und weiß nicht, wie weiter. Wer blickt wen an, wer blickt was? Jon Kessler versagt einem erst mal die Übersicht.

Man muss sich schon umherbewegen im Raum, von Station zu Station gehen, die hier als Teile eines großen Produktionszusammenhanges ineinandergreifen – wie es sich für eine Fabrik gehört. Bilder, die in einem Karton an einem Ende der Installation produziert werden, tauchen auf einige Schritte entfernten Monitoren auf. Eine Kamera filmt im Inneren eines architektonischen Modells der Galerieräume, die Bilder kann man leicht mit den Räumen selbst verwechseln. Ein anderer Bildschirm, das wird man später bemerken, zeigt Aufnahmen der Galerie von der anderen Straßenseite. Offensichtlich wird der Ausstellungsraum auch von einer gegenüberliegenden Wohnung gefilmt. Es gilt also, eins und eins zusammenzuzählen – die Maschinen geben nach und nach ihre Funktionen preis. Und das ist ein großer Spaß für den Wanderer durch Kesslers Arbeiten.

Dieser Karton etwa: Eine Mechanik öffnet und schließt seinen Deckel und sorgt für wechselnde Lichtverhältnisse im Innern. Hinein und hindurch fährt eine mausgroße Kamera auf einer Schiene. Die Bilder, die sie aus dem geheimnisvollen Kartons liefert, zeigen eine erstaunlich dramatische Szenerie: einen Gang wie durch eine Ruine, im flackernden Licht.

Zwar fehlen „The Blue Period“ (Preis für die komplette Installation: 140 000 Dollar, für einzelne Elemente auf Anfrage) die unmittelbaren politischen Bezüge. Keine Soldaten, kein Gesicht von George Bush oder Saddam Hussein wie noch in „The Palace at 4 a. m.“ Doch auch die aktuelle Installation stellt Fragen nach der Medienmaschinerie und der vielbeschworenen Kontrollgesellschaft – gerade an diesem Ort in der Zimmerstraße, am ehemaligen Mauerstreifen.

Die Dichte der Verweise und Querverbindungen macht auch „The Blue Period“ zu einer Paranoia-Maschinerie. Überall lauert Manipulation. Ihre Farbe: Blau. Denn dank der Bluebox-Technik lassen sich in Film und Fernsehen Menschen und Gegenstände freistellen und vor austauschbare Hintergründe setzen.

Kessler arbeitet ausgiebig mit diesem Trick. So färbt er in einem Gemälde von Edward Hopper die Fenster blau und nimmt sie anschließend mit der Kamera auf. Im Effekt schwebt die Hopper-Bar durch einen Bilderkosmos. Auch die Wände eines Galerieraumes und daran hängende Porträts hat der Amerikaner mit blauen Farbbahnen überzogen. Auf den Monitoren werden diesen Stellen durchlässig. Viel Lärm und dahinter: nichts. Das ist der Gipfel der Manipulation in dieser blauen Periode, in der wir leben: dass es nicht mal etwas zu entdecken gibt dahinter.

Galerie Arndt und Partner, Zimmerstraße 90/91; bis 20. Dezember, Dienstag bis Samstag 11–18 Uhr.

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