Kultur : Bitte Rauchen!

Eine Ausstellung über jüdische Zigarettenfirmen

Martina Scheffler

„Zu viel kann man wohl rauchen, doch raucht man nie genug“: Wer dies heutzutage seinem Arzt entgegenschmettert, wird wohl für komplett benebelt gehalten werden. Vor 80 Jahren jedoch warb man so für Massary, eine nach der Schauspielerin Fritzi Massary benannte Zigarettenmarke. Die Dame wäre 1910 wegen Rauchens auf der Bühne beinahe strafrechtlich belangt worden und gab so eine hervorragende Werbe-Ikone ab. Diese und andere Tabakdevotionalien zeigt die Kabinettsausstellung „Total Manoli? Kein Problem!“ im Jüdischen Museum, die den Siegeszug der Zigarette in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts und die Geschichte der meist jüdischen Zigarettenfirmen thematisiert. Vor allem die Familie Rochmann, die sich in Berlin niederließ und zu den Begründern der deutschen Zigarettenindustrie gehörte, steht im Zentrum. Der Bogen spannt sich von den Anfängen über die Emigration und Deportation einiger Familienmitglieder nach Auschwitz.

Ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte spiegelt sich in den Objekten wider. Im Ersten Weltkrieg wurden viele Marken umbenannt, um nicht in den Verdacht mangelnder Vaterlandsliebe zu kommen. Der „Duke of Edinburgh“ hieß nun „Flaggengala“, die elegante „Fleur“ treudeutsch „Gudrun“. 1915 wurde die Marke „Moslem“ mit Halbmond und Stern beworben – politisch korrekt, war doch das Osmanische Reich Kriegsverbündeter.

In den zwanziger Jahren explodierte der Pro-Kopf-Verbrauch von Zigaretten und die Kreativität bei der Vermarktung. Für die Marke Manoli war schon zur Jahrhundertwende am Alexanderplatz eine Leuchtreklame installiert worden. Der Name ging in die Alltagssprache ein: „Total Manoli“. Mit dem Ende der Weimarer Republik verschwinden Davidsterne von den Dosen, der „Tabak-Kurier“ vom 15. April 1933 meldet: „Die Gleichschaltungsaktion ist nunmehr auch im deutschen Tabakwareneinzelhandel vollzogen worden.“ Die Zeit der jüdischen Zigarettenfirmen war vorbei. Heute erinnern nur noch Straßennamen wie der Garbatyplatz in Pankow an diese Epoche. Martina Scheffler

Jüdisches Museum, Lindenstr. 9–14, bis 18. 1., Mo. 10–22 Uhr, Di.–So. 10–20 Uhr.

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