Kultur : Bitte recht kindlich!

Lübeck zeigt Edvard Munchs erste Auftragswerke in Deutschland

Michael Zajonz

Es gab Zeiten, in denen Künstler noch durch ihr Werk provozierten. Als Edvard Munch den Weihnachtsabend 1903 statt im Familienkreis des Lübecker Augenarztes Max Linde in einem Bordell der Hansestadt verbrachte, war sein erster großer Mäzen nur vorübergehend verstimmt. Zum Eklat kam es im Jahr darauf. Linde, der auch Bilder von Manet und Degas sowie die damals größte Kollektion von Skulpturen Auguste Rodins besaß, bestellte bei dem Norweger einen Fries – für das Kinderzimmer seiner vier Söhne. „Nehmen Sie bitte die Motive kindlich, also bitte keine Küssenden oder Liebenden. Denn das Kind ahnt noch nichts davon“, ermahnte der besorgte Auftraggeber den Maler im nordischen Sommerquartier.

Anfang Dezember 1904 traf Munch mit acht großen und zwei kleinen Gemälden wieder in Lübeck ein. Das Ehepaar Linde reagierte schroff. Vor furios verknappte Landschaften hatte Munch Mädchengestalten platziert, die in somnambuler Schwermut seine Lieblingsthemen verkörperten: Adoleszenz, Eros, Krankheit, Tod. Zu allem Überfluss erwies sich der Zyklus als zu kraftvoll für den mit zierlichen Empiremöbeln eingerichteten Raum. Linde widerrief seinen Auftrag, man grollte einander, Munch blieb auf der künstlerischen Ausbeute eines ganzen Sommers sitzen. Als er 1907 noch einmal nach Lübeck zurückkehrt, hatten andere Sammler Linde längst den Rang abgelaufen.

Fünf der noch erhaltenen acht Tafeln des Linde-Frieses bilden nun das Herzstück der Ausstellung „Edvard Munch und Lübeck“ im dortigen Museum im Behnhaus. Im Raum dahinter hängt das 1904 entstandene Sühnebild „Weihnachten im Bordell“. Christbaum, aufgeschmückte Damen und Puffmutter scheinen sichtlich um Repräsentation bemüht. Sich selbst dagegen erinnert der Künstler nur mehr als alkoholtaubes Bündel vor giftgelber Wand.

Brigitte Heise, Direktorin des Behnhauses und Kuratorin der Ausstellung, kann mit 20 Gemälden exakt zwei Drittel aller Arbeiten auf Leinwand vorstellen, die zwischen 1902 und 1907 in oder für Lübeck entstanden sind. Dazu eine ansehnliche Grafikauswahl, etwa die in der Kunstgeschichte der Moderne singuläre „Linde-Mappe“. Wo heute ganze Werkgruppen vonnöten sind, reichten Munch 1902 ein paar Radierungen und Lithografien, die den Lindeschen Hausstand in behutsam-intimer Perspektive erfassen, um ein exklusives Verhältnis zwischen Maler und Mäzen herzustellen.

Zu den herausragenden der von Max Linde beauftragten Munch-Werke zählen Porträts wie das an Velázquez und Van Dyck geschulte Ganzfigurenbildnis Lindes im Mantel, allen voran aber die 1903 entstandenen „Söhne des Dr. Linde“. Munch zeigt die kleine Viererbande als Gruppe psychologisch ausdifferenzierter Persönlichkeiten. Und das vor einer in farbigstem Weiß schimmernden Zimmertür.

Dass dieses fragile Fin de Siècle nun in einem ehemaligen Kaufmannshaus und nicht in der vor wenigen Wochen eröffneten Kunsthalle – mit dem Charme eines Hochbunkers – ausgebreitet wird, leuchtet sofort ein. Der nobel-altväterliche Klassizismus des Behnhauses vermittelt eine Ahnung davon, wie fremd, ja schockierend die nach der Inflation in alle Welt zerstreute Kollektion dereinst in ihrem patrizischen Umfeld gewirkt haben muss.

Lübeck, Museum Behnhaus/Drägerhaus, bis 19. Oktober, Di-So 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Der Katalog kostet 20 Euro.

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