Kultur : Bitte widerlegen Sie mich gründlich

Herbert Schnädelbach erklärt, was Philosophen wissen und was man von Ihnen lernen kann.

Marianna Lieder

In der Nachkriegs-BRD war die Marx’sche These vom Ende der Philosophie auch unter erklärten Nicht-Marxisten und Lehrstuhlinhabern in Mode gekommen. Der Philosoph Odo Marquard etwa, ein konservativer Skeptiker, beschrieb in seinem berüchtigten Vortrag aus dem Jahr 1973 die Geschichte der abendländischen Philosophie als Geschichte eines unaufhaltsam voranschreitenden Verlusts an Ansehen und Kompetenz: In der Antike seien Philosophen noch Alleswisser und Alleskönner gewesen, Mathematik gehörte ebenso in ihren Zuständigkeitsbereich wie praktische Lebenshilfe.

Seit dem frühen Mittelalter jedoch habe die Philosophie nach und nach ihren Einfluss und ihre wissenschaftliche Glaubwürdigkeit zunächst an die Theologie, dann an die empirischen Wissenschaften und schließlich an die politischen Emanzipationsbewegungen verloren. Wodurch sich jene, die nach dem Ende der Philosophie dennoch nicht von dieser lassen könnten, noch auszeichneten – so das selbstironisch-melancholische Fazit –, sei allenfalls die Fähigkeit, die eigene Inkompetenz zu bemänteln und zu kompensieren, eben die „Inkompetenzkompensationskompetenz“ .

Vierzig Jahre nachdem dieser Bandwurmbegriff geprägt wurde, scheint sich das Selbstbewusstsein der Zunft wieder stabilisiert zu haben. Besonders unmissverständlich signalisiert dies ein Buchtitel wie „Was Philosophen wissen und was man von Ihnen lernen kann.“ Zwar klagt der Verfasser des Bandes, Herbert Schnädelbach, ein wenig über den gegenwärtigen Prestigemangel seines Fachs und erinnert sich leicht wehmütig an Zeiten, in denen noch Großdenker wie Heidegger, Jaspers oder Adorno – letzterer war Schnädelbachs Doktorvater – noch außeruniversitären Glamour verströmten. Begrüßenswert scheint dem 1936 geborenen Philosophie-Emeritus die Entwicklung, die Mitte des 20. Jahrhunderts an deutschen Universitäten einsetzte, dennoch: Nach und nach gewann der analytische Philosophiestrang, der im angelsächsischen Sprachraum seit jeher vorherrschte, auch hierzulande an Einfluss.

Damit schärfte sich das Bewusstsein für methodische und inhaltliche Standards nach dem Vorbild der „unumstrittenen“ Wissenschaften. An die Stelle der kultisch verehrten „Ordinariatsdenker“, die je eine „ganze“ Philosophie in der eigenen Person verkörperten, ist heute eine Vielfalt an Teil- und Spezialdisziplinen getreten.

Dennoch kommt man nicht ohne einen einheitlichen Grundbestand an „philosophischem Wissen“ aus. Und weil für Schnädelbach außer Frage steht, dass dieses Basiswissen angemessen in den „popularisierenden Bestsellern“ jener vermittelt werden könne, die in der Öffentlichkeit unverdienterweise als Philosophen gelten, wagt er sich in insgesamt 14 Kapiteln selbst an den Balanceakt, begriffliche Präzision, inhaltliche Komplexität mit einem zulässigen Maß an Verständlichkeit zu verbinden.

Nun muss jemand, der klären möchte, was Philosophen wissen, zunächst die Frage beantworten, was Philosophen überhaupt meinen, wenn sie behaupten, etwas zu wissen. Descartes etwa, der unter „Wissen“ unfehlbare Wahrheit verstand und jeder Einzelerkenntnis einen festen Platz in einem gigantischen rationalistischen System zuweisen wollte, hat den Wissensbegriff ebenso hoffnungslos überlastet wie später Hegel, der im 19. Jahrhundert die Autonomieansprüche der neu entstandenen Fachdisziplinen ignorierte und noch einmal versuchte, die Philosophie zur Sachwalterin des „absoluten Wissens“ zu erklären.

Heidegger, der seinen herrisch propagierten Wissens- und Wahrheitsanspruch auf Evidenz stützte, fällt bei Schnädelbach ebenso durch. Allenfalls in der Umgangssprache lässt er auf unmittelbarem Erleben gegründete Behauptungen wie ein „wahrer Freund“ oder eine „wahre Tragödie“ gelten. Wer hingegen als Philosoph ernstgenommen werden will, geht Probleme erstens konsequent von ihrer sprachlichen Gestalt an und ist sich zweitens der Grenzen und der Fehlbarkeit des Wissens bewusst.

Ähnlich ernüchternd fallen die anschließenden Kapitel aus, in denen Schnädelbach erklärt, weshalb man heute als Berufsphilosoph mit der griffigen Gegenüberstellung von „Subjekt-Objekt“ nicht mehr allzu weit kommt, worin „Werte“ sich von „Normen“ unterscheiden und dass man über das einst mit metaphysischem Ballast überfrachtete Wörtchen „Ich“ heute nur mit Sicherheit weiß, dass es dem Sprecher dazu dient, auf sich selbst zu verweisen. Allerdings beschränkt sich Schnädelbach keineswegs darauf, den gegenwärtig unter Philosophen herrschenden Minimalkonsens zusammenzufassen. Sein wesentlich ertragreicherer Schwerpunkt liegt auf der Darstellung der verschlungenen Pfade, die die Philosophie im Lauf der vergangenen Jahrhunderte zum aktuellen Wissenstand führten. In einem auch für interessierte Laien nachvollziehbaren, ideengeschichtlichen Panorama zeigt er nicht nur, wie heutige Positionen bereits bei Kant, Hume, Herder und Aristoteles auftauchten, sondern ebenso, wo diese ihre Nachfolger zu kritischem Widerspruch herausforderten und damit den Erkenntnisfortschritt beförderten. So lernt man von Philosophen vor allem dann, wenn ihr ehedem anerkanntes Wissen revidiert, widerlegt und ergänzt wurde.

Herbert

Schnädelbach:
Was Philosophen wissen und was man von

ihnen lernen kann.

Verlag C.H. Beck,

München 2012.

237 Seiten, 19,95 €.

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