Kultur : Bitter mit Sahne

Enda Walshs „New Electric Ballroom“ in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt

Mirko Weber

Am leisen Ende der Uraufführung von „The New Electric Ballroom“ haben die drei Schwestern Ada, Breda und Clara auf der Bühne der Münchner Kammerspiele etwas Süßes im Mund, es ist Kuchen) und der Zuschauer hat etwas Sanftes im Sinn, das kommt von der zauberischen Musik und dem verdimmenden Licht über den Golden Girls. Dabei ist das neue Stück von Enda Walsh ziemlich hart, aber herzlich, ist es eben auch – und vielleicht ist das sein suggestives Geheimnis.

Mit dem 47-jährigen Iren Enda Walsh hat es eine seltsame Bewandtnis: Zwar wird er stets mit Sarah Kane und Mark Ravenhill in einem Atemzug genannt, und es verbindet ihn auch einiges mit den beiden. Wo aber die anderen auf jeweils eigene Art eher scheinbar teilnahmslos oder restlos aufgekratzt mitstenografieren, was die soziale Kältekammer ausschnittsweise noch bietet, hat Enda Walsh („Disco Pigs“, „Bedbound“) bereits die Schotten dicht gemacht. Seine Figuren sind schon nicht mehr von dieser Welt, obwohl sie andererseits drinnen vom Draußen nicht lassen können, wenn sie – wie Pig und Runt in den „Disco Pigs“ – eigene Sprachcodes erfinden, um ihre (Gegen-)Wirklichkeit zu konstituieren. Walshs „A Christmas Carol“ wurde im Gefängnis von Cork aufgeführt. Er mag geschlossene Gesellschaften und überschaubare, aber eigentlich unansehnliche Verhältnisse.

In den Münchner Kammerspielen besteht das Zusammensein zunächst nur aus den erwähnten drei Schwestern, zwei sind sechzig, eine vierzig Jahre alt. Regisseur Stephan Kimmig hat das Bühnenbild (Claudio Rohner) unmissverständlich einrichten lassen. Im Kühlschrank gibt es zwar noch ein paar Kekse, aber sonst sieht es finster aus: Die Stufen verlieren sich in einem Nichts an Treppe, hinter einer trüben Scheibe dümpeln ein paar Aquariumsbewohner, und wenn der Fischhändler Patsy vorbeischaut (der einzige Kontakt zur Außenwelt, ein gestörter Mensch, mit dem allenfalls noch die Möwen reden), dann wirft er die Lachspakete nach unten ab und liefert gleich den neusten Klatsch hinterher.

Aber die Schwestern wollen nicht mehr wissen, wie es heute ist, weil es ihnen reicht, wie es früher einmal war (wenn es so war, wie sie sagen, man weiß das nie genau), und obwohl die jüngere Ada (Annette Paulmann) die Geschichten schon lange nicht mehr hören kann, wie die beiden Alten, gespielt von den großen Theaterdamen Hildegard Schmahl und Barbara Nüsse, fast einmal glücklich geworden wären mit dem Sänger Roller Royle im New Electric Ballroom, doch dann ist eben etwas Furchtbares dazwischen gekommen, werden sie immer wieder erzählen. Walshs Stück funktioniert auf der dramatischen Ebene als Rondo für wandlungsfähige Schauspielerinnen. Beschwingt, ja fast heiter arbeiten sich alle an einem Thema mit Variationen ab: Die Fabel von Bread, Clara und Roller Roy kann aggressiv und larmoyant, kann leise und laut, kann herzzipfelzupfend und eiskalt berichtet werden – und Hildegard Schmal und Barbara Nüsse machen ihre theatralische Trickkiste auf, wenn sie sich die Kleider von früher anziehen und alle in diesem Elend noch einmal ein Es-war-einmal-Pfauenrad schlagen: Also spielen sie Theater. Mehr bleibt ihnen nicht, das ist alles, aber das ist eine Menge.

Nicht von ungefähr erinnert manches an Beckett (und im Furorhaften wie im Wesensverkrüppelten der Ada auch an Thomas Bernhard), wiewohl Walsh an einem entscheidenden Punkt ganz sympathisch wieder in die Zeit von Beckett zurückfällt. Es ist nämlich nicht so, als ob der Ire Walsh unbedingt nur ins Misslingen verliebt wäre, auch seine Mitleidensfähigkeit ist noch entwickelt. Walsh hat eine Sentimentalität, die sich sein Landsmann Beckett niemals gestattete. Bitter mit Sahne. Als sich der Fischhändler Patsy (Hans Kremer) endlich ins Kostüm von Roller Roy gezwängt hat, singt er sehr anrührend „A Wondrous Place“ von Bill Fury, das Ende eines Gartenschlauchs langt ihm als Mikrofon. Aber natürlich bekommt er Ada nicht und Ada nicht ihn, doch wirkt das Verfehlen nicht abgrundtief pessimistisch, sondern in Stephan Kimmigs feinfühliger, sehr musikalischer Schauspielerregie oft sogar: zum Schmunzeln. Unselig selig sind hier alle in sich selbst.

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