Kultur : Bitterer Zuckerhut

Bodo Mrozek

bricht auf nach Brasilien und kommt in Kreuzberg an Wenn es Sommer in Berlin wird, und das Fernweh erwacht, dann schauen wir neidisch nach Brasilien, dem Land, aus dem guter Fußball und gute Musik kommen. Bislang war südamerikanische Musik noch immer für einen Sommerhit gut. Im Winter wummerten dann wieder teutonische Bässe. Diesmal könnte das anders sein. Baile Funk nennt sich die Musik, die nun auf die mitteleuropäischen Tanzflächen drückt, und es sieht diesmal aus, als wäre es keine Eintagsfliege. Denn diesmal ist alles dabei, was man heute so braucht: Sex, Gewalt, Drogen. Und sogar noch ein bisschen mehr.

Zum Beispiel bei Mr. Catra , der früher bettelarm war. Jetzt ist er reich und erfolgreich. Denn Catra macht Baile Funk. Früher hieß der 36-Jährige Wagner Domingues Costa, lebte in einem Armenviertel von Rio de Janeiro und ernährte sich mit Bankraub. Dann wurde sein Bruder erschossen. Heute nennt Costa sich Mr. Catra oder auch „O Fiel“, der Gläubige. Bei seinen Auftritten jubeln ihm Tausende zu. Allzu heilig darf man sich den Mann nicht vorstellen, denn sein Leben und seine Texte folgen der Maxime, die er der Zeitschrift „Neon“ verraten hat: zehn Kinder von sieben Frauen haben, in jedem dritten Lied von Blowjobs schreiben, den ganzen Tag Joints rauchen und sich selbst super finden. Der Größenwahn amerikanischer Rapper wiederholt sich im Baile Funk, nur dass die Gegensätze im heutigen Brasilien noch härter sind als in den USA. Musikalisch ist Baile Funk ein rumpelnder Sound, der nach gigantischen Soundsystems und viel Platz verlangt. Es kracht und scheppert, MCs brüllen portugiesische Sätze, dann wehen Fetzen einer Latino-Melodie oder eines Achtzigerjahre- Stückes vorbei. Der Rest ist Rhythmus.

Daniel Haaksmann hat gerade einen Koffer voller Baile-Funk-Stücke aus Rio mitgebracht und auf eine CD gebrannt: „Rio Baile Funk – Favela Booty Beats“ (Essay Recordings/Indigo ). Und Mr. Catra besucht heute den in Kreuzberg wiedererstandenen Mitte-Club 103 (Falckenstein Str. 47, ab 23.30 Uhr) . Vielleicht taugt ja der Ghetto-Sound zu mehr als einer Eintagsfliege. Und wenn nicht, dann sollte mindestens ein Sommerhit dabei sein.

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