Kultur : Bitteres Lachen

Andris Nelsons bei den Berliner Philharmonikern

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Es war schon eine kleine Durststrecke, die die Berliner Philharmoniker mit ihren Debütanten am Dirigentenpult in den letzten Wochen durchlebten. Leicht ist es wahrlich nicht, bei diesem Orchester zu landen. Zumal die Maestri auf Bewährung oft Stücke dirigieren müssen, die die Berliner zuvor bereits intensiv gespielt oder sogar mit ihrem Chef Simon Rattle einstudiert haben.

Bei Andris Nelsons’ Debüt ist nun alles anders. Das Hauptwerk des Abends, Dmitri Schostakowitschs achte Symphonie, lag über neun Jahre nicht mehr auf den Philharmoniker-Pulten. Das spricht für Vertrauen in die Fähigkeiten des 32-jährigen Letten, der diesen Sommer mit dem neuen „Lohengrin“ seinen fulminanten Einstand bei den Bayreuther Festspielen feierte. Und für den Respekt, den Nelsons’ Lehrer bei den Philharmonikern genießt. Mariss Jansons ist ein Herzensdirigent der Berliner, sein Schüler befindet sich auf dem besten Weg, es zu werden. Beide verbindet eine erdige Ernsthaftigkeit im Ringen mit den großen Partituren und ein durch und durch musikalischer Pragmatismus. Hier dirigieren Musiker, keine Philosophen.

Nelsons wirkt dabei als schon sehr erfahrener Operndirigent noch flexibler in seiner Phrasierung, freier bei fließenden Tempi. Aus den Philharmonikern lockt er unerhörte Klangfarben heraus. So blühend hat Bergs Violinkonzert selten geklungen, so leuchtend und dabei stets auch grundiert mit Bässen, die voller Leben stecken. Ein Requiem, das die Schönheit des Daseins feiert und den feinherben Geigenton Baiba Skrides zärtlich umfängt. Die beiden jungen Musiker aus Riga vertrauen einander zutiefst und feiern einen Triumph jenseits aller Äußerlichkeiten.

Dann dieser gewaltige Schostakowitsch. Nelsons nimmt sich die Freiheit, die Achte nicht von vornherein als auskomponierte Kriegsgreuel zu interpretieren, sondern in erster Linie als Musik. Kalte Gestirne ziehen auf über den Menschen und kopflose Treibjagden beginnen unter bitterem Lachen. Doch selbst im erbarmungslosen Fortissimo bricht die Klanglichkeit dieser Musik nicht. Schönheit, das zeigt Nelsons bewegend, kann etwas ungemein Unbeugsames haben (noch einmal heute, 20 Uhr). Ulrich Amling

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