"Biutiful" : Uxbal, Marambra, Barcelona

Epos statt Episoden: „Biutiful“ von Alejandro González Iñárritu ist großes, bewegendes Kino eines Regisseurs, der gewagt hat und gewinnt.

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Passion, Passionen. Marambra (Mariciel Alvarez) tobt sich aus.
Passion, Passionen. Marambra (Mariciel Alvarez) tobt sich aus.Foto: Prokino

Die Stadt: Sie könnte Marseille sein, wie in den Romanen von Jean-Claude Izzo, mit dem Meer ganz nah, aber die Menschen haben keinen Blick für die Weite, hausen in kaputten Wohnungen und hetzen durch Straßenschluchten, jobben schwarz auf Baustellen oder schmieren die Polizei. Oder ein globalisiertes Palermo oder ein schmutzigstaubiges Thessaloniki voller Afrikaner, die Billigtextilien aus Sweatshops auf der Straße verhökern, bis die nächste Razzia sie verjagt am helllichten Tag. Oder Mexiko City oder São Paulo, oder der Hügel von Belleville, von dem aus der Eiffelturm in der Ferne so winzig aussieht, oder sonst eine der urbanisierten Randzonen des 21. Jahrhunderts, wo die Heimatlosen dieser Welt zu überleben versuchen, egal wie.

Der Film lässt sich Zeit, bis er seinen Ort benennt, Autokennzeichen ins Bild geraten, B wie Berlin oder Barcelona, richtig, Barcelona, und wie zum Beweis erwischt die Kamera einmal die zerlöcherten Türme der Sagrada Familia. Hier bringt Uxbal sein Leben hin und zu Ende, und an der schwammzerfressenen Zimmerdecke sammeln sich die Nachtfalter, als warteten sie darauf, dass Uxbal sich aus seinem Körper löst – und hinausgeht durch den stockfleckigen Spiegel in den Schneewald, wo das Jenseits beginnt. Uxbal hat Prostatakrebs, Uxbal pisst Blut, Uxbal hat, wenn er Glück hat, aber was ist das für ein Glück, noch ein paar Monate, Uxbal könnte also was in Ordnung bringen draußen in seinem unruhigen Job oder drinnen in seiner verdammt unheiligen Familie oder sonst irgendwie Gutes tun.

Uxbal hat zwei Kinder, Ana und Mateo, für die er auf seine Weise sorgt, er sitzt mit ihnen am Küchentisch, er bringt sie zur Schule, bevor er wie alle Tage seinen Schnitt macht als zwielichtiger Mittelsmann zwischen den Chinesen und den Afrikanern und den korrupten Augenzudrückern von der Polizei. Und er hat mit Marambra eine sexuell verwahrloste Ex-Frau, die irrlichtert zwischen Quasselmanie und Depression und schon mal halb nackt auf Uxbals fettem Lüstling von Bruder rumspaziert, das halbleere Weinglas in der Hand. Auch Marambra liebt Ana und Mateo, nur dass sie den kleinen Mateo ohrfeigt, wenn er sie Nutte nennt, und dass sie ihre Kinder, wenn der nächste Lebensrausch ranrauscht, vollends vergessen kann. Und sie liebt Uxbal, herzzerreißend flackernd diese Glückssucht und doch so was von vorbei.

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Diese Monate also sind es, Wochen, zerrissene Tage, die Uxbal bleiben, und der Film sieht ihm beim Dasein, beim Nochdasein zu. Man wird ja kein besserer Mensch, bloß weil man stirbt, sagt der Film zwischen den Bildern, auch wird die Welt nicht bloß aus Mitleid gleich besser, eher macht man sogar in der Nachspielzeit noch was schrecklich falsch. Da muss der Sterbende schon einen Wahnsinnsdusel haben, wenn ihm noch wer übern Weg läuft, dem er das Bewahrenswerteste anvertrauen kann, und der oder die läuft nicht gleich wieder davon.

So geht „Biutiful“. So buchstabiert Uxbal für Mateo das Schöne, und weil Marambra mit den Kindern übers Wochenende in die Pyrenäen will, einer ihrer irren Pläne, prangt am schrottreifen Kühlschrank Mateos Zeichnung mit dem Kritzeltitel „PARINEOS IS BIUTIFUL“. Ja, das Leben ist schön. Und traurig. Und hoffnungslos. Und schön doch, so lange es dauert: Das sagt Alejandro González Iñárritu in seinem vierten Film – oder ist es vielmehr sein erster, weil er sich nach all dem angestrengten Dekonstruieren und Kompilieren auf eine Stadt, eine Geschichte, eine Hauptfigur konzentriert?

Ja, der Alleswoller Iñárritu setzt auf das Etwaskönnen, und endlich ist es viel. Als Hauptdarsteller hat er mit Javier Bardem einen erfahrenen Schmerzensmann („Das Meer in mir“) verpflichtet, der den erneuten Sterbegang einer ihm überlassenen Filmfigur unendlich gelöst vollzieht – in fast jeder Einstellung ist er zu sehen, sanft vergehender Zeuge dessen, was er anrichtet und was ihm widerfährt. Umso wilder zerrt Maricel Alvarez, in ihrer Heimat Argentinien ein Theaterstar, in ihrer allerersten Kinorolle an diesem Koloss von Mann: Beider Szenen einer gewesenen Ehe, vor den Kindern oder auch allein, sind allesamt mitreißend und atemberaubend intim.

Was noch: Wie schön, dass sie chronologisch gedreht haben wochenlang, als sei das von Iñárritu Erfundene eine Geschichte, die sie im Lauf einer Zeit an sich selbst erfahren – und prompt geht die geglückte Selbstüberlistung in das sehr spezifische Gewicht dieses Filmes ein. Und wieder hat Rodrigo Prieto eine Iñárritu-Fantasie ins Bild gesetzt, mit seiner unnachahmlich schweifenden, mal eiligen, mal stillen, mal gesichternahen, mal die engen Räume behutsam erfassenden Kamera, die als eigentlicher Herzschlag des Ganzen das Geschehen rhythmisiert. Und allen und allem voran der Regisseur, der gewagt hat und gewinnt.

„Wenn ein Film kein Dokument ist, ist er zwangsläufig ein Traum“, sagt dieser romantische Radikalist, und zumindest für sein eigenes Kino trifft das zu. Alle seine Filme sind Träume, und „Biutiful“ ist sein dunkelster, schönster.

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