Kultur : "Black Dju Dibonga": Ein Gesicht wie aller Tage Abend

Kerstin Decker

Wahrscheinlich existieren Menschen wie Planeten auf Umlaufbahnen. Auf seiner je eigenen Umlaufbahn spürt keiner mehr Erdanziehungskraft. Sie ist aufgehoben in reine Bewegung, in kosmische Ignoranz. Psychologen nennen Personen auf so selbstberuhigten Kreisbahnen Träger eines "stablilen Ichs". Darum ist es auch beinahe unmöglich, dass manche Menschen anderen begegnen. Aber es gibt kosmische Störfälle. Kometeneinschläge, Fremdmagnetismus ...

Das ist die Stunde des Kinos. Und eine seiner ältesten, schönsten Geschichten zugleich. Zum Beispiel Inspektor Plettschette aus Luxemburg. Er hält schon etwas länger den Alkohol für eine viel angemessenere Antwort auf die Risiken unserer Existenz als die Polizei. Leben ist ohnehin eine Art Strafvollzug, wozu die Redundanz? Denkt Plettschette und bestellt noch zwei Whiskey. Um zu vergessen, dass er vom Dienst suspendiert wurde. Um zu vergessen, dass seine Frau ihn verließ.

Nein, Plettschette (Philippe Léotard) hat kein Guten-Morgen-Gesicht, es ist ein Aller-Tage-Abend-Gesicht. Alles ist dort eingezeichnet, was das Leben einem antun kann. Nur einer bemerkt das nicht. Dju Délé Dibonga, ein junger Schwarzer von den Kapverden, der nach Luxemburg kam, um seinen Vater zu suchen. Ob er Plettschette anschaut oder die Jungfrau Maria, es ist egal. Es ist derselbe Blick. Einer, der sagt: "Sie sind meine letzte Hoffnung!" Nur dass Dibonga die Jungfrau duzen würde.

Zwei aus ihren Bahnen Geworfene: Sie suchen einen alten kapverdischen Mann in Luxemburg. Nur weil der kein Geld mehr nach Hause schickte. Menschen unterscheiden sich von Gestirnen dadurch, dass sie immer neue Gravitationen ausprobieren können. Sie suchen sich neue Mittelpunkte. "Black Dju Dibonga" von Pol Cruchten erzählt eine sehr einfache Geschichte. Es ist schön, zuzusehen, wie der Inspektor und Dibonga einander Mittelpunkte werden, schwach strahlend zuerst. Und es ist schön zu sehen, wie das längst Gewusste immer wieder neu werden kann.

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