Black Keys in Berlin : Knietief im Blues

Willkommen in den siebziger Jahren und der Gegenwart! Die Black Keys bauen bei ihrem Konzert in der ausverkauften Berliner Arena den Pop und Rock der vergangenen Jahrzehnte schön nach und scheinen trotzdem ganz im Hier und Jetzt zu stehen.

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Hingebungsvoll laut. Dan Auerbach in der ausverkauften Arena. Foto: Britta Pedersen/dpa
Hingebungsvoll laut. Dan Auerbach in der ausverkauften Arena. Foto: Britta Pedersen/dpaFoto: dpa

Für einen Auftritt der Black Keys hätte dieser Ort gar nicht besser gewählt sein können: Die Arena in Berlin-Treptow, ein Ort mit Geschichte, früher das Omnibusdepot der Berliner Verkehrsbetriebe, heute eine zugige Konzerthalle mit eben jenem nüchternen, leicht schmierigen Werkshallencharme, der von ihrer alten Bestimmung herrührt. Eine Band, die nur allzu gern den Blues spielt, einen krachigen, vehementen und manchmal auch rumpeligen Blues, die überhaupt die Pop- und Rockgeschichte rauf- und runterzudeklinieren weiß, so eine Band sollte hier doch eine ideale Spielfläche vorfinden! Es braucht dann jedoch eine Weile, bis sich die Black Keys an diesem Samstagabend gewissermaßen freigespielt haben, bis sie auch die hintersten Winkel der mit 9000 Menschen gefüllten und ausverkauften Halle erreichen.

Bezeichnenderweise passiert das in dem Moment, in dem Dan Auerbach, der Gitarrist und Sänger der Band aus Akron, Ohio, und sein Kumpel Patrick Carney, der Schlagzeuger, allein auf der Bühne stehen. Der Bassist und der Keyboarder, den die beiden sich zur Liveunterstützung mitgebracht haben, verschwinden für ein längeres Gitarre-Schlagzeug-Set backstage, und der bärtige Jeansträger Auerbach und der studentisch-nerdhaft wirkende Carney entwickeln derart abgerüstet eine nicht für möglich gehaltene Kraft und Dynamik. Knietief stehen sie plötzlich im Blues, jetzt wird malocht.

Es ist dies auch der deutlichste Hinweis auf ihr nicht kleines, tatsächlich rauen, bollernden Bluesrock featurendes Frühwerk seit ihrem Debütalbum „The Big Come Up“ 2002, bevor sie mit den Alben „Brother“ (2010) und dem aktuellen „El Camino“ zur aktuell besten Rockband der Welt wurden. Während dieses Sets erinnern die Black Keys tatsächlich noch an die Bands, die sich ebenfalls hingebungsvoll und mit all der ihnen zu Gebote stehenden Kaputtness am Blues abgearbeitet haben: an Royal Trux, Dead Moon, an Jon Spencers Blues Explosion, vielleicht auch an die White Stripes.

Spätestens mit „Brother“ sind die Black Keys diesem Kosmos entwachsen, da glaubt man ihnen aufs Wort, wenn sie in Interviews wie etwa mit der Musikzeitschrift „Intro“ sagen: „Wir sind in der Lage, alle möglichen Arten von Alben zu machen. Das ist unser Markenzeichen. So, wie wir Musik hören, können wir mühelos von Johnny Burnette zu Ghostface Killah, zu Devo, zu den Cramps und zu T. Rex switchen und dabei immer noch eine Linearität erkennen. Alles hängt miteinander zusammen.“

Genau so klingen „Brother“ und „El Camino“, die veröffentlicht wurden, nachdem die Black Keys unter dem Namen Blakroc mit einigen Hip-Hoppern in New York gearbeitet hatten. Beide Alben haben Soul, R&B und auch noch Spuren von Blues. Genauso finden sich jedoch Glamrock, Boogie und Bubble-Gum-Pop. Alle Stücke sind hübsch knackig auf den Punkt gebracht. Zudem atmet alles eine gewisse Direktheit und Spontaneität, so als hätten sich Auerbach und Carney nur kurz mit ihrem Freund und Produzenten Danger Mouse im Studio getroffen und ihre Songs in Nullkommanix live eingespielt.

In der Arena bringen Auerbach und Carney zusammen mit einem Bassisten und einem Keyboarder das Spontane, den Punch ihrer Stücke ziemlich perfekt rüber, die vielumjubelten Hits wie „Ten Cent Pistol“, „Tighten Up“, „Lonely Boy“, „Sister“, „Hell of a Season“ oder die grandiose Glamelegie „Dead and Gone“. Fast zu perfekt, wie es sich manchmal anhört. Da nutzen all der Werkshallencharme und der Blues nichts mehr. Man merkt richtiggehend auf, wenn eins der Stücke variiert wird, abbricht und in ein kurzes, heftiges Finale mündet. Auerbach und Carney sind sehr gut aufeinander eingespielt, die Tourerei ihrer frühen Jahre kommt ihnen zugute. Vermutlich könnten sie Stadien genauso gekonnt bespielen wie die kleinen Clubs. Wenngleich sie in Sachen Charisma zulegen könnten. So cool wie ihre Musik sind Auerbach und Carney nicht.

Auf vier Leinwänden laufen im Hintergrund der Bühne weitgehend sinnfreie Bilder (irgendwann auch ihr auf dem „El Camino“-Cover abgebildeter einstiger Tourbus), und immer wieder werden Band und Bühne mit zahlreichen runden, dunkelgelben Lampen ausgeleuchtet. Als Auerbach beim Zugabenteil mit Sly-Stone-Stimme zu „Everlasting Light“ anhebt, dreht sich schließlich eine glitzernde Discokugel über der Bühne.

Willkommen in den siebziger Jahren, willkommen in der Gegenwart! In einer Gegenwart, die voller Vergangenheit steckt. Auf einem Konzert, das den Pop und Rock der vergangenen Jahrzehnte schön nachbaut, von einer Band, die trotzdem ganz im Hier und Jetzt zu stehen scheint. Am Ende ist man sich sicher, einen ziemlich hinreißenden Auftritt verfolgt zu haben. Nicht einmal die Alan-Vega-New-Order-Retro-Disco anschließend in der Mysliwska-Bar im Vergnügungspark Kreuzberg kann einem noch was anhaben. Selbst auf dem Nachhauseweg im Berliner Schnee pfeift man ganz beseelt: „I’m a lonely boy.“

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